Erfolgreicher Auftakt für Veranstaltungsjahr 2009

Thomas Blumenstein Exkursion zu den Wüstungen bei der Stadt Hessisch Lichtenau am 7. März war ein voller Erfolg. Viele Geschichtsinteressierte trafen sich um gemeinsam den rund 10 km langen Rundweg mit den von Gustav Siegel erwähnten Wüstungen Hanrode, Poppenhagen und Fischbach zu erwandern. Thomas Blumenstein konnte dabei unter anderem darlegen, dass es sich bei Siegels Hanrode um einen Irrtum handelte und hier gar keine Wüstung lag. Eindrucksvoll sind die Spuren der Fischteiche der Wüstung Fischbach noch heute im Wald zu sehen, Blumenstein erläuterte deren Zweck und zeigte auch Keramikfunde aus dem Bachlauf. Alle Wüstungen mussten offenbar Ende des 13. Jahrhunderts aufgegeben und dann von der neuen Stadt Lichtenau aus bewirtschaftet worden sein.

 
 
Thomas Bluemenstein führte die Gruppe zu den Wüstungen Hanrode, Poppenhagen und Fischbach.
Im Herbst folgt eine weitere Exkursion von ihm zu weiteren Wüstungen im östlichen Gemarkungsbereich von Lichtenau.
 
 

Exkursion zu den Wüstungen bei Hessisch Lichtenau, Teil 1

von Thomas Blumenstein
 

Seit dem Erscheinen der „Geschichte der Stadt Lichtenau in Hessen“ durch unseren geschätzten Stadtchronisten Gustav Siegel im Jahre 1895 ist die Geschichte der Entstehung der Stadt und der dabei wüst gefallenen Dörfer festgeschrieben. Dass Siegel eine für seine Zeit und als Laie beispiellose Arbeit abgeliefert hat, steht ohne Zweifel. Allerdings lassen sich an seiner Theorie der 6 Orte, die bei Stadtgründung wüst gefallen sind, berechtigte Zweifel anmelden.

 

Hanrode

Wir wollen uns heute dem westlich der Kernstadt gelegenen Gebiet zuwenden. Hier käme als erstes das von G.Siegel genannte Hönrode/Hanrode in Frage. Dieses wurde von Georg Landau in seinem grundlegenden Werk über die Wüstungen Kurhessens als Wüstung angesprochen. Die Lage angeblich 1100 Schritte vom Lichtenauer Kirchturm, links vom Pfade nach Quentel. Was aber nicht stimmen kann, weil sich dort die Flur „im Loh“ befindet. Sämtliche Parzellen die mit „Hanrode“ oder „Hohenrode“ bezeichnet sind, befinden sich ca. 500 Meter weiter nördlich im heute überbauten Bereich zwischen Hanröder, Poppenhagener und Königsberger Straße. Die Lage dort auf einem Geländerücken ist sehr passend für eine „hohe Rodung“, doch dürfte es sich ob der ungünstigen Lage und des fehlenden Wassers kaum um eine Ortswüstung handeln. Auch fehlen jegliche urkundliche Beweise. Der bei Siegel genannte Ludwig von Hoenrode kann nicht als Nachweis gelten. Er ist zwar Bürger der Stadt Lichtenau, scheint aber aus Niederkaufungen zu stammen, da er 1320 sein dortiges Gehöft an das Kloster Kaufungen verkauft. Noch deutlicher wird seine Herkunft in der Urkunde von 1323, in der er seine Güter in „Hoemenrode“ an selbiges Kloster verkauft. Damit ist aber eine Wüstung Hommenrode gemeint, welche in der Gegend von Niederkaufungen zu suchen ist. Folglich muß eine Wüstung Hönrode/Hanrode in Abrede gestellt werden.

 

Poppenhagen

Die Lage des 1219/20 genannten Dorfes wird von Landau mit 2200 Schritten von Lichtenau am Pfade nach Quentel bezeichnet. Dies schien sich zu bestätigen, als Verfasser 1993 im Bach unterhalb des sog. Römisch-Teiches im Eichholz einige wenige Keramikscherben aufsammeln konnte. Weitere Absuchen im Laufe der folgenden Jahre, auch oberhalb des Teiches, blieben immer erfolglos. Erst nach Aufarbeitung des Lichtenauer Steuerkataster und der dazugehörigen Karten musste diese Meinung revidiert werden. Denn die Flur „Im Poppenhagen“ lag 700 m weiter westlich im nächsten Seitental. Oberhalb des dort am Waldweg von Hessisch Lichtenau nach Quentel gelegenen Teiches konnte Verfasser im Frühjahr 2006 im Bachlauf einige mittelalterliche Keramikscherben aufsammeln. Im Verein mit dem passenden Flurnamen dürfte die Lage der Siedlung Poppenhagen damit geklärt sein. Dass die Grafen von Reichenbach als Ortsgründer anzusehen sind, ergibt sich aus dem Ortsnamen. Es handelt sich um die Siedlung eines Poppo, damals ein gebräuchlicher Name bei den Grafen von Reichenbach. Sie befanden sich 1219/20 auch noch im Besitz der Siedlung, als sie diese an den Deutschorden verschenkten. Die Ausdehnung der zu Poppenhagen gehörigen Feldflur lässt sich auf den im Staatsarchiv Marburg befindlichen Katasterkarten der Stadt Lichtenau aus dem Jahr 1688 noch sehr gut erkennen. Während die alte Streifenflur von Vortriden sich gut erkennbar von Ost nach West von der Losse über das Hanrod bis zum Sauborn ausbreitet. (übrigens ein weiterer Beweis für die Nichtexistenz von Hanrode, dessen Lage genau in diese alte Streifenflur fallen würde) ist die weiter westlich anschließende, später gerodete Flur von Poppenhagen von Nord nach Süd ausgerichtet.

 

Fischbach

Erscheint ebenfalls in der Urkunde von 1220 als „Viscbach“ und seine Lage wird von Landau mit 1400 Schritten südwestlich von Fürstenhagen bezeichnet. Trotz intensiver Feldbe-gehungen ließ sich im angegebenen Gebiet nichts finden. Landau hatte sich wohl von der in der Mercatorkarte von 1592 dort eingetragenen Bezeichnung „Vischbach“ leiten lassen. Die Wüstung konnte vom Verfasser 1993 im hinteren Fischbachtal in der Flur „Kirchwiese“, Quentel Flur 7, Flurstück 16 nachgewiesen werden. Ein 200 m westlich davon gelegener Quelltopf in der Flur 7, Flurstück 20/1 wies ebenfalls mittelalterliche Keramikscherben auf und dürfte ein weiterer Wohnplatz von Fischbach gewesen sein. Auch dürfte sich die Herkunft des Namens Fischbach ableiten lassen. Neben einem kaum noch erkennbaren, im östlichen Unterhang, oberhalb der Kirchwiese unter Wald gelegenen Rest eines kleinen Teiches fanden sich im etwa 400 m südlich der Kirchwiese gelegenen oberen Talende des Fisch- oder Börnchenbaches der Überrest eines weiteren Teiches. Da auch hier noch vereinzelt mittelalterliche Keramik aufgelesen werden konnte, liegt die Vermutung nahe, dass sich die Bewohner Fischbachs wohl der Fischzucht verschrieben hatten und so der Ortsname zustande kam.

 
 
 

Arnoldshagen

Eine bisher unbekannte weitere Wüstung, die in diese Reihe passt, konnte Verfasser im Jahre 1997 in der Gemarkung Quentel im sogenannten „Ortsgraben“ Flur 8, Flurstück 6 durch Keramikfunde im Bachlauf nachweisen. Diese ebenfalls am Wege von Hessisch Lichtenau nach Quentel gelegene ehemalige Siedlung lässt sich namentlich rekonstruieren. Nachweislich der Quenteler Kirchenrechnungen des 17.Jahrhunderts und auch nach einem Verzeichnis der Bäche durch Teichmeister Christian Gehebe aus dem Jahr 1699 heißt der Ortsgraben zu dieser Zeit noch „Arnoldsgraben“. Das weist auf den Lichtenauer Bürger Ludwig von Arnoldishagen und seine Familie hin, welche von 1340-1369 in der Stadt nachgewiesen sind. (Gustav Siegel, S.80) Hierbei dürfte es sich um die Bewohner der bisher völlig unbekannten und bei Stadtgründung oder kurz danach aufgegebenen Siedlung „Arnoldshagen handeln.