| "Walburg und seine Wüstungen. Neueste Ergebnisse der Wüstungsforschung um Walburg" |
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Der Verein für hessische Geschichte und Landeskunde, Zweigverein Hessisch Lichtenau startet mit drei besonders interessanten Veranstaltungen in das neue Veranstaltungsjahr. Die Exkursion vom 21. März unter dem Titel "Walburg und seine Wüstungen. Neueste Ergebnisse der Wüstungsforschung um Walburg" mit Roland Gernand führte viele interessierte Geschichtsfreunde durch die Walburger Wüstungen und Fundplätze. Im Herbst werden unsere Exkursionen fortgesetzt werden. |
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Wüstung Rechfeld |
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Eines der Exkursionsziele war die Wüstung Rechfeld etwa 1,5 km nördlich von Walburg, zu beiden Seiten der Rommeröder Straße entlang des Hasenberg bis zur Wohra. Die Lage ist noch heute eindeutig durch Flurnamen (Rennfeld, Reichfeld, Steinhecke) und aufgrund der umfangreichen Scherbenfunde zu lokalisieren. Die umfangreichen Scherbenfunde sind zwischen dem 10. und 14. Jahrhunderts einzuordnen, wobei allerdings vor- und frühgeschichtliche Funde derzeit vollständig fehlen. Die Ersterwähnung verdankt ihren Umstand einem nicht alltäglichen Ereignis. Konrad von Marburg, der Beichtvater der Hl. Elisabeth hat 1233, nach dem Tod im Jahr 1231, für deren Heiligsprechung ein Verzeichnis der Wunderheilungen, die nach ihrem Tod aufgetreten sind, aufgestellt. In diesem Verzeichnis wurde der Ort Raichevelde erstmals genannt. Im Urkundenbuch des Kloster Kaufungen gibt es drei Belege aus dem späten 14. und 15. Jahrhundert, in denen Rechfeld erwähnt wird:
- Eckehard von Felsberg hatte um 1390, außer dem Walburger Klostergut, noch Hambach und Rechfeld vom Stifte zu Lehen. Dabei wurde die jährliche Abgabe-Gülde auf 3 Scheffel Weizen, 2 ½ Viertel Korn, 2 ½ Viertel Hafer, 1 ½ Viertel Gerste, 3 Michaelis- und 1 Fastnachtshuhn,8 halbe Schillinge Heller zu Bede, 1 Schilling Opfergeld und 1 ½ Schock Eier herabgesetzt. Rechfeld war zu diesem Zeitpunkt noch bewohnt.
- Urkunde vom 10. Oktober 1393: Hartmann von Wickersa, Burgmann zu Reichenbach und sein Sohn Stieg verkaufen der Äbtissin Margarete und dem Stifte zu Kaufungen 10 Viertel Hafer ewiger Gülte zu Walburg, sowie ihren Anteil in der Feldmark zu Rechfeld. Die Gülte von 1 Viertel Hafer verblieb jedoch dem Landgraf und wurde laut Salbuch von 1454 von den Amtsknechten an Ort und Stelle aufgehoben.
- Am 18. Mai 1471 verzichtet Kraft von Felsberg, der Sohn Eckhardts von Felsberg, auf seine Güter Kaufunger Lehens zu Hambach, Rommerode, Rechfeld und Walburg zu Gunsten der Söhne seiner Schwester, Georg, Stephan und Eberhard von Bischofferode: "Ich Crafft Velsbergk bekenne ... myt namen daiz gud myt syner zugehorunge Haymbach, Rademerade, Richfelde myt dem lande genant an deme kaildin Heisterin und in dem dorffe unde felmargk zu Walbergk ...". Die Gemarkung von Rechfeld war 1471 bereits in der Walburger Gemarkung aufgegangen.
Die Schreibweise ändert sich im Laufe der Jahrhunderte ständig. So wurde: 1233 Reckensvelde,Raichevelde, 1390 Rechfeld, 1393 Reichfelde, 1436 Rechberge, 1454 Rechfeldt, 1471 Richfelde, 1553 Reechfeldtt, 1715 Reechfeld angegeben. Es gibt mehrere Deutungsmöglichkeiten (rech = starr, steif aber auch rech = schräg), doch erscheint die Deutung "rech" = schräg (Rechfeld = schräges Feld) aufgrund der topographischen Lage am wahrscheinlichsten. Im Lichtenauer Salbuch von 1454 wird Rechfeld bereits als teilweise "wüst" bezeichnet und 1½ Hufen Land werden von 5 Einwohnern aus Walburg bewirtschaftet. Aus welchen Gründen die Ortschaft aufgegeben wurde, lässt sich heute nur vermuten. 1527 werden die von Bischofferode durch das ritterschaftliche Stift Kaufungen Lehnsleute in Rechfeld. Im Lichtenauer Salbuch von 1553 wird das Land zum Teil als "böse und wust" bezeichnet. Anhand zweier Urkunden im Kirchenarchiv Walburg (1436 und 1484) wurde festgestellt, dass sich im Norden der Gemarkung Walburg der Zehntbezirk der Pfarrei Walburg befindet. Es handelt sich dabei, nach Dr. Eckhardt, um die ehemalige Gemarkung von Rechfeld, deren Grenzen sich mit Hilfe der Zehntrechte heute noch feststellen lassen. Die Flurnamen Eisenberg, Langer Grund, Hasengrund, Hasenberg und Reichfeld sind heute noch geläufig.
Besonders interessant sind die, heute noch deutlich zu erkennenden, hochmittelalterlichen Terrassenfelder, die um den Rechberg oberhalb vom Steinholz liegen, sowie die mittelalterlichen Wölbäcker auf dem Rechberg. Der Flurname Rechberg hat übrigens in Walburg einer interessanten Wandlung erlebt: 1436 "Der Rechbergk", 1484 "Am Rechberge", 1519 "Am Rechberghe" verändert sich zu: 1557 "Am Guldenßberge", 1753 "Am Gilsberg", 1780 "Am Gilsberge", 1824 "Am Gilßberge". Der Grund sind die veränderten Besitzverhältnisse. Ein Teil des Rechberges wurde landgräflich und mit einer landgräflichen Abgabe belehnt (Gülde). |
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| Wüstung Teilwiese |
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Besichtigt wurde aber auch die Wüstung Teilwiese/Wehrhof. Diese liegt etwa 1 km von Walburg und ca. 350 m von der Wüstung Rechfeld entfernt. Bereits 1994 wurden erstmals hoch- und spätmittelalterliche Scherben gefunden, von denen die ältesten aus dem 11. Jahrhundert stammen. Die ersten Hinweise lieferte Dr. Willi Görich in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts. Er vermerkte auf seiner Exkursionskarte den Namen Beldrichsfeld (mit Fragezeichen). In diesem Falle lag er nicht richtig. Mittlerweile gibt es sichere Hinweise dafür, dass diese Wüstung nicht in der Walburger Gemarkung liegt. Diese Fundstelle musste also einen anderen Ursprung haben. Das Gelände hat, aus Sicht der Besiedelungstopographie, ideale Bedingungen. Es ist ausreichend Wasser vorhanden, der Boden besteht aus sehr fruchtbarem Mergel und es gibt einen ausreichenden Windschutz durch den Siegersberg (Hauptwetterseite). Der Flurnamen „Teilwiese“ ist bereits seit Mitte des 15. Jahrhunderts belegt. In einer Kaufunger Urkunde, die zwischen 1442 und 1484 ausgestellt wurde, wird ein "Teilwiesengut" erwähnt und auf ein weiter zurückliegendes Vorhandensein hingewiesen: "… Äbtissin Elisabeth von Waldeck zu Kaufungen belehnt Eckhard Sifferdes und Folkenand Heyn zu Walburg mit dem Teilwiesengut daselbst, das deren Väter Hermann Sifferdes und Henne Heyn bisher besessen hatten …". Dieses Gut muss kurz darauf den Besitz gewechselt haben, denn im Zinsregister des Klosters Germerode taucht 1485 ein weiterer Vermerk zu dem Gut auf und diesmal wird explizit Haus und Hof erwähnt. Wir wissen nicht wie lange das Gehöft auf der Teilwiese gestanden hat. Auf jeden Fall verschwindet der Vermerk auf Haus und Hof um 1517. Aus heutiger Sicht lassen sich die zwischen 1994 und 2008 gefundenen Scherben, aus dem 11. bis 15. Jahrhundert diesem Teilwiesengut zuordnen.
Bei der Durchsicht der Walburger Kirchenrechnungen des 17. Jahrhunderts, wurde die Flurbezeichnung "das Wehrhöbchen" gefunden, die anfänglich nicht zuzuordnen war. Das Interesse wurde aber geweckte, als in einem Rechnungsjahrgang der Flurnamen mit dem Vermerk "… an der Theilwiesen" versehen war. Aufgrund der räumlichen Nähe von "Wehrhof" und "Teilwiesengut" scheinen beide, aus derzeitiger Sicht, identisch zu sein. Die Bedeutung dieses Wehrhofes liegt derzeit noch im Dunklen. Eine Namensdeutung des Flurnamens "Wehrhöbchen" ist aus derzeitiger Sicht nicht sicher möglich. Einerseits kann ein "Wehrhob" ein gemeinschaftlich genutztes, eingezäuntes Feld sein, andererseits kann es (im Hinblick auf die Gebäude) ein Hinweis auf einen mittelalterlichen Wehrhof sein, der den nach Norden ungeschützten Walburger Hügelsporn absicherte. Der Flurnamen ist heute nicht mehr bekannt und verschwand bereits im frühen 18. Jahrhundert aus den Walburger Kirchenrechnungen.
Ebenfalls in 2004 wurde, bei einer wiederholten Oberflächensuche, erstmals eine schwarz gefärbte Scherbe mit schwachem Kammstrich-Muster gefunden. Es handelt sich um ein Wandstück aus dunkelgrauer Graphittonkeramik mit flächendeckenden, senkrechten Kammstrich aus der Mittel- oder Spätlatènezeit (400–100 v. Chr.). Diese Art der jüngereisenzeitliche Graphittonkeramik ist in Nordhessen selten, kommt aber im Werra-Meißner-Kreis hin und wieder vor (Schnepfenburg, Niederhone). In Thüringen ist diese Keramik häufiger anzutreffen. Mittlerweile wurden drei weitere Graphittonscherben gefunden. Die Fundstelle befindet sich am Rande eines Ackers an einer sumpfigen Stelle. Bei Drainagearbeiten in 2005 wurde in unmittelbarer Nähe zum Fundort, eine primitive Quelleinfassung aus Quarzit und evtl. die Reste einer Abfallgrube mit einem Knochenfragment gefunden. Eine dauerhafte vorgeschichtliche Besiedlung zu unterstellen, ist aufgrund der vier vorgefundenen Graphittonscherben zu vage und nicht belegbar. Möglich ist eine kurze Siedlungsperiode bis zur Erschöpfung der natürlichen Ressourcen oder eine ursprüngliche Nutzung als gemeinschaftliche Hutefläche. Verhältnismäßig sicher kann für dieses Areal demnach aber eine ständige Besiedlung vom 11. bis Anfang 16. Jahrhundert angenommen werden. Ebenfalls sicher ist, dass dieses Areal in der Walburger und nicht in der ehemaligen Gemarkung der Wüstung Rechfeld liegt. |
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