"Hessisch-Lichtenau und die niederhessischen Kleinstädte im Mittelalter"

Der Verein für hessische Geschichte und Landeskunde, Zweigverein Hessisch Lichtenau lud kürzlich zu einem Vortrag zum Thema "Hessisch-Lichtenau und die niederhessischen Kleinstädte im Mittelalter. Mit Lichtbildern"  ein.  Dr. Dieter Wolf aus Butzbach untersuchte für seine Dissertation die Geschichte der Stadt Melsungen und betrachtete dabei auch die umliegenden Städte. Seine Erkenntnisse zu unserer Stadtgeschichte stellte er den rund 20 Besuchern des Vortrags im Alten Rathaus vor.

Wie er ausführte, gehört Hessisch Lichtenau bekanntlich zu jenen im Spätmittelalter entstandenen, von den Landgrafen von Hessen (kurz vor 1289) zur weiteren Festigung ihres auf Expansion ausgerichteten Territoriums entstandenen Kleinstädte, die im Zusammenspiel mit den benachbarten Burgen und Städten ihrer Stadtherrn enorm zum weiteren Fortbestand der Landgrafschaft Hessen beigetragen haben. Militärische und wirtschaftliche Gesichtspunkte waren sicherlich die wichtigsten Gründe zur Anlage zahlreicher kleinen Städte, die – mit einem bescheidenen Umfang von „Freiheiten“ ausgestattet – als Einzelkommune sicherlich auch wirtschaftlich nur eine untergeordnete Rolle spielten, im Zusammenspiel mit anderen gleichbedeutenden oder etwas wichtigeren hessischen Kommunen aber über die ersten Jahrhunderte doch das wirtschaftliche Rückrat der Landgrafschaft Hessen bildeten. Für die Mitte des 15. Jahrhunderts ist davon auszugehen, dass die kleine Kleinstadt Lichtenau, die innerhalb des Stadtmauerrings eine bebaubare Fläche von 5 Hektar bot, etwa 125 Häuser und etwa gleich viele Haushaltsvorstände und Bürger umfasste. Eine gewisse Vorstellung von der Größe der nordhessischen Städte mag die (errechnete) Fläche des vom spätmittelalterlichen Stadtmauerring eingeschlossenen Gebietes vermitteln.

 
 
Dr. Dieter Wolf referierte über Hessisch Lichtenau und die niederhessischen Kleinstädte im Mittelalter.
Hier präsentiert er gerade den Hessischen Städteatlas über die Lossestadt.
 

So hatte Eschwege eine Fläche von etwa 29 Hektar, Frankenberg 24 ha (Altstadt 16 ha, Neustadt 8 ha), Wolfhagen insgesamt 13 ha (incl. Altstadt, Freiheit und Burg; davon die Burg 1 ha), Zierenberg 10 ha, Alsfeld 11 ha, Homberg/E. 16 ha (Altstadt 9 ha, Freiheit 7 ha), Rotenburg/Fulda 10 ha (Altstadt 8 ha, Stadtburg 1 ha, Neustadt 1 ha), Spangenberg 10 ha (Altstadt 7 ha, Freiheit und Platzgasse 3 ha), Melsungen 8 ha (ohne die kleine, vermutlich außenliegende Burg), Hessisch Lichtenau 5 ha, Niedenstein 3 ha, Felsberg 5 ha (davon Burg und Steilhang 1 ha; bebaute Stadtfläche ca. 3,9 ha), Homberg/O. 5 ha (davon Burg und Zwinger 1,2 ha; bebaute Stadtfläche ca. 3,6 ha). Damit gehörte Lichtenau in den unteren Bereich der mittelgroßen niederhessischen Kleinstädte, was auch durch mehrere von Wolf vorgeführte Leistungsverzeichnisse nieder- und oberhessischer Städte und Listen mit Hinweisen auf die Bevölkerungsgröße der Städte des 15. und 16. Jahrhunderts erkennbar wurde.

 
 
Rekonstruktionsversuch von Dr. Dieter Wolf von Hessisch Lichtenau nach einer Skizze von Dilich um 1600.
 

Wie waren Kleinstädte wie Hessisch Lichtenau politisch und sozial „verfassungsmäßig“ organisiert? Gerade für Lichtenau ist einiges Aufschlussreiches aus dem erhaltenen Stadtbuch verschiedenen Inhalts für die Zeit vom 15. bis zum frühen 16. Jahrhundert überliefert, das wertvolle Einblicke in die Verfassung dieser Kleinstadt und die städtische Verwaltungspraxis vermittelt, wie sie sonst für vergleichbare Kleinstädte nur selten bekannt sind.

Weiter ging der Redner auf die Stadttopographie. auf Stadtbefestigung, Stadtburg und öffentliche Bauten ein, wobei der Referent vor allem auf die spätgotische Pfarrkirche, Rat- und Kaufhaus, Brauhaus, Büchsenhaus (Zeughaus) und den landgräflichen Renthof einging. Die Erläuterungen wurden mit Lichtbildern ergänzt, die oftmals auf eigenen zeichnerischen Rekonstruktionen des Vortragenden beruhten, darunter auch eine Gesamtansicht aus der Vogelperspektive, die den Zustand der Kleinstadt gegen Ende des 16. Jahrhunderts veranschaulichen soll. Als Einzelkommune mögen Kleinstädte wie die Lichtenau politisch und wirtschaftlich nur eine untergeordnete Rolle gespielt haben, im Zusammenspiel mit anderen gleichbedeutenden oder etwas wichtigeren hessischen Städten bildeten diese aber über Jahrhunderte das „Rückrat“ der spätmittelalterlichen Landgrafschaft Hessen.

 

 

Die Stadt Lichtenau nach einer bearbeiteten Radierung von Wilhelm Dillich (vor) 1605.