Markus Kothe

 
Ein Dorf und sein Adel. Deutungsversuch, wie die Meisenbug nach Retterode kamen

Nach einem Vortrag anlässlich der Umbenennung des Dorfgemeinschaftshauses von Retterode in Meisenbughaus am 18. März 2006.

 

Die Geschichte des Retteröder Adelsgeschlechts derer von Meisenbug ist bislang praktisch kaum erforscht. Vorliegende Betrachtung soll zumindest eine mögliche Erklärung darüber bieten, wie die Meisenbug nach Retterode gekommen sind und die herrschaftlichen Beziehungen des Dorfes während des Mittelalters aussahen.

Die Geschichte des Retteröder Adelsgeschlechts derer von Meisenbug ist bislang praktisch kaum erforscht. Vorliegende Betrachtung soll zumindest eine mögliche Erklärung darüber bieten, wie die Meisenbug nach Retterode gekommen sind und die herrschaftlichen Beziehungen des Dorfes während des Mittelalters aussahen.

Retterode wird erstmals 1209 im Güterverzeichnis des Fritzlarer St. Peterstifts erwähnt. [1] Ein Ortsadel ist mit Conradus de Retrode und seinem Sohn Henricus ab 1289 nachzuweisen. [2] Die Herren von Retterode stehen dabei offenbar in engem Zusammenhang zum Landgrafen von Hessen, als dessen Burgmannen sie auch in der neuen Stadt Lichtenau vorkommen. [3] Gehen wir von einer durchschnittlichen Lebenserwartung von etwa 60 Jahren aus, dann wäre jener Konrad von Retterode um 1230/40 geboren worden, also zwischen 1250/60 im Mannesalter gewesen, einer Zeit in der sich die noch junge Landgrafschaft Hessen etablierte. Wo Konrad herkam ist unbekannt, er kann durchaus schon in Retterode mit seiner Sippe gelebt haben, aber dies wäre reine Spekulation. Nicht unerwähnt bleiben darf aber Erwähnung eines Eberhard und Konrad Holzadel, die als Zeugen einer Urkunde über den Verkauf eines Reichenbacher Lehens 1259 genannt werden. [4] Konrad Holzadel ist 1268 erneut Zeuge zusammen mit Konrad Winze und dem Reichenbacher Burgmann Hartrad von Reichenbach. [5] Unweit von Retterode befindet sich die Hofwüstung +Holzbach, deren Lehen mit dem von Retterode mehrfach zusammen genannt wird. Viel wahrscheinlicher war er ein Weggefährte des jungen Landgrafen Heinrich I., der Lichtenau wohl um 1260 zur Stadt ausbaute, dies stützen die Grabungsbefunde in der Stadtkirche. [6] Er wird von Heinrich zum Burgmann über die neue Stadt neben anderen erhoben worden sein und das Dorf Retterode als wirtschaftliche Absicherung vom Landgrafen zum Lehen erhalten haben. [7]

Wir halten fest, 1209 wird Retterode als Abgabepflichtig an das mainzische St. Peterstift zu Fritzlar genannt, 1289 ist es im Besitz des hessischen Landgrafen, muss aber weiterhin an St. Peter zinsen. Dies bedeutet, dass Heinrich I. in den Besitz des Dorfes gekommen sein muss ohne die Rechte von St. Peter anzutasten. Wie könnte dies passiert sein?

Für Retterode bedeutet dies, dass das Dorf ursprünglich Teil der Grafschaft Reichenbach war und Ende des 12. Jahrhunderts an einen neuen Besitzer kam. Da Konrad von Retterode über den hessischen Landgrafen das Lehen erhielt, der zugleich auch Herr über die Burg Reichenbach und die Lichtenauer Hochfläche war, wird ein Bezug zu den Ludowingern und damit zu den Grafen von Reichenbach hergeleitet werden können. Möglicherweise war Retterode wie Burg und Dorf Reichenbach in den Gesamtbesitz der Grafenfamilie von Reichenbach Ende des 11. Jh. gekommen, als diese erstmals um Reichenbach nachweisbar sind. Mit dem Verkauf eines Anteils an der Burg Reichenbach zwischen 1183 und 1190 an das Erzbistum Mainz seitens eines Mitglieds der Grafenfamilie, vermutlich Graf Heinrich III. von Reichenbach, wird auch der zugehörige Teil des Dorfes Retterode an Mainz gekommen sein. [8] Dies würde 1209 und auch noch 1310 die Erwähnung im Güterverzeichnis des Petersstift zu Fritzlar erklären, wonach das Dorf je 2 Schillinge und 6 Pfennige Abgaben entrichten musste. [9] Retterode ist, wie auch Pfieffe, mitunter der entfernteste Besitz des Stiftes. Wobei genauer gesagt nicht einmal direkt von Besitz gesprochen werden darf. Der andere Teil des Dorfes wird im Besitz Graf Friedrichs von Thüringen gewesen sein, der ebenfalls durch Erbschaft Ende des 12. Jahrhunderts in Besitz eines Teils der Burg kam. Er ist auch für das westlich liegende Quentel als Lehnsherr anzunehmen. [10]   Mit dem vollständigen Erwerb der Burg Reichenbach durch die Ludowinger 1233 werden die letzten Rechte der ziegenhainer Linie der Grafenfamilie an die Ludowinger übergegangen sein und in Folge des Aussterbens der Landgrafen dann im Erbfolgestreit an den Landgrafen von Hessen. [11]

Der Verlust der Mainzer Rechte ließe sich mit der Eroberung der Burg Reichenbach durch den Mainzer Erzbischof im Jahr 1247 verknüpfen, nachdem die Ludowinger im Mannesstamm ausgestorben waren und sich ein Streit um ihre Erbschaft entfesselte. Als Reaktion auf diesen Akt eroberte ein Jahr später Sophie von Brabant die Burg für ihren Sohn Heinrich zurück und sicherte damit dessen Herrschaft in Hessen mit ab. Die Lichtenauer Hochfläche gehört neben dem Kasseler Umland und dem Marburger Umland zu den Kerngebieten der Landgrafschaft Hessen. Durch diese Rückeroberung wird Retterode vollständig zu Hessen gekommen sein, nur die Abgabenpflicht der Bevölkerung an St. Peter wurde scheinbar weiterhin respektiert, da es sich um eine geistliche Einrichtung handelte.

Wo lebten die Herren von Retterode nun? Schon 1303 soll das Dorf über einen Pfarrer verfügt haben. [12] Auffällig ist der Kirchturm des Dorfes, der in einem typischen spätmittelalterlichen Wehrkirchhof steht. Das Kirchenschiff ist ein Bau des 19. Jahrhunderts und ersetzte einen gotischen Vorgänger, der in einer Zeichnung erhalten und in das 14. Jahrhundert datierbar ist. [13] Der Turm selbst soll 1453 erbaut worden sein, doch dürfte es sich hierbei um einen Umbau handeln, da die querrechteckige Grundform und das regelmäßige Quadermauerwerk im unteren Teil der Südfassade auf eine Errichtung während des Hochmittelalters schließen lassen. Mit einer Mauerstärke an der Ostwand von 2,4 Meter ist der Turm überdurchschnittlich stark angelegt. [14] Dies bedeutet für Retterode die Möglichkeit eines hochmittelalterlichen Wohnturmes, der später um 1300 in einen Kirchturm umgewandelt wurde. Unterhalb des Kirchhofs befindet sich der alte Gutsbereich, der bis in das frühe 20. Jahrhundert als ausgeprägter Komplex erhalten geblieben war, durch ein Feuer aber schließlich zerstört und in seiner heutigen Form nur noch schwer wieder zu erkennen ist.

Abschließend zur Frage, wie die Herren von Retterode von den von Meisenbug abgelöst wurden. 1289 [15] und 1294 [16] wird ein Conradus de Retrode erwähnt, 1289, [17] 1294, [18] 1304, [19] 1321, [20] 1322, [21] 1324, [22] 1330, [23] 1341, [24] 1352 [25] und 1368 [26] ein Henricus de Retrode. Letzterer wird 1330 [27] und 1352 [28] zusammen mit einem Henricus Beyger genannt. Dieser Henricus Beyger war Burgmann zu Immenhausen, einer ebenfalls hessischen Stadtgründung. Es ist davon auszugehen, dass es sich bei jenem Heinrich von Retterode um Vater und Sohn handelte, wenn man davon ausgeht, dass Heinrich 1289 mindestens zwanzig Jahre alt war. 1362 wird von einem verstorbenen Heinrich von Retterode gesprochen, so dass dessen Tod um 1330 erfolgt sein wird und die Nennungen ab 1330 sich auf seinen Sohn Heinrich beziehen. Dieser Henricus de Retrode hatte einen Sohn namens Hans und eine Tochter namens Gude, die vermutlich mit Henricus de Beyger vermählt war. Denn 1376 wird Henricus Beyger erwähnt als Lehnsinhaber von Retterode und +Holzbach, obwohl er vermutlich schon um 1360 verstarb, ein älterer Rechtsakt wurde demnach bezeugt. Fassbar ist Henricus Beyger erstmals 1323 als landgräflicher Vasall, er muss demnach um 1300 geboren worden sein. [29] Denn 1360 werden seine Tochter Alheid und seine Frau Else genannt, die seinem Seelenheil gedenken. [30] Als Zeugen treten hierbei der Reichenbacher Burgmann Heinrich Winze und Hermann von Meisenbug auf. 1372 werden dann Hermann von Meisenbug und seine Frau Alheid genannt. Es wird mehr als ein Zufall sein, wenn es sich hierbei nicht um Beygers Tochter Alheid handeln würde. Denn 1410 wird ein Beyer Meisenbug genannt, ein Sohn jenes Hermanns und seiner Frau Alheid, der +Holzbach an den Landgrafen von Hessen verkaufte. [31] Es war zu dieser Zeit noch üblich den Kindern den Namen des Großvaters zu geben. 1428 schließlich belehnt Landgraf Moritz die Meisenbugs mit dem Dorf Retterode. [32]

Doch begegnet in den Quellen noch ein weiterer Herr von Retterode. Hugo von Retterode begegnet 1368 [33] und 1377, [34] möglicherweise bis 1398, und wird als Vetter bezeichnet. Sein Vater ist urkundlich nicht zu greifen, da er aber als Vetter bezeichnet wird, wird es sich um einen Sohn Konrads von Retterode handeln. Dieser Hugo verstarb wohl kinderlos, wie auch jener Hans von Retterode, so dass das Lehen an die Beyer-Linie fiel. Die Herren von Retterode starben im Mannesstamme aus.

 

Literaturverzeichnis

Acht, Peter: Mainzer Urkundenbuch (1176-1200). Zweiter Band, Teil 2. Die Urkunden seit dem Tode Erzbischofs Adalberts I. (1137) bis zum Tode Erzbischof Konrads (1200). Darmstadt 1971. Zitiert als UB Mainz 2.2.

Conrad, Horst (Hg.): Die Kopiar- und Urbarüberlieferung des Klosters Hardehausen des 12. bis 14. Jahrhunderts. Münster 2001.

Demandt, Karl E.: Das Chorherrenstift St. Peter zu Fritzlar. Quellen und Studien zu seiner mittelalterlichen Gestalt und Geschichte. Marburg 1985.

Demandt, Karl R.: Quellen zur Rechtsgeschichte der Stadt Fritzlar im Mittelalter. Marburg 1939. Zitiert als: UB Fritzlar.

Huyskens, Albert: Die Klöster an der Werra. Regesten und Urkunden. Marburg 1916. Zitiert als: Huyskens.

Nickel, Rainer: Ausgrabungen in der evangelischen Stadtkirche Hessisch Lichtenau im Jahre 1992. Vorläufige Ergebnisse. In: Wischnath, Thomas (Bearb.): „Ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende!“ Evangelische Stadtkirche Hessisch Lichtenau. Renovierung 1992-1993. Hessisch Lichtenau 1993. S. 14-22.

Posse, Otto: Codex diplomaticus saxoniae regiae. Erster Hauptteil, 3. Band. Leipzig 1898. Zitiert als: CDS I.3.

Reimer, Heinrich: Historisches Ortslexikon für Kurhessen. Marburg 1926.

Roques, Hermann. v.: Urkundenbuch des Klosters Kaufungen. Band I. u. II. Kassel 1900/1902. Zitiert als: UB Kaufungen.

Schultze, Johannes: Klöster, Stifter und Hospitäler der Stadt Kassel und Kloster Weißenstein. Regesten und Urkunden. 1913. Zitiert als: Schultze.

Seib, Georg: Wehrhafte Kirchen in Nordhessen. Marburg 1999.

Siegel, Gustav: Geschichte der Stadt Lichtenau in Hessen und ihrer Umgebung nebst Nachrichten über die einzelnen Amtsorte und einem Urkundenbuche. In: ZHG NF 22 (1897). Zitiert als: UB Lichtenau.

Wyss, Artur: Hessisches Urkundenbuch. Erste Abtlg.: Urkundenbuch der Deutschordensballei Hessen, I-III. 1879-1899.



[6] Nickel, Rainer: Ausgrabungen in der evangelischen Stadtkirche Hessisch Lichtenau im Jahre 1992. S. 14-22.