Geschichtliches vom Zweigverein Hessisch Lichtenau
Geschichte der Stadt Hessisch Lichtenau
 
Gründungssage der Stadt Lichtenau

Einst verirrte sich Landgraf Heinrich I. von Hessen im dichten Wald und fand den Weg zu seiner Feste Reichenbach nicht mehr. Als sich die kalte Nacht herabsenkte, da begegnete ihm ein Bäuerlein mit einer Laterne, der seinen Herrn getreu zu einer Lichtung führte, von der die Burg Reichenbach und der Weg dorthin zu sehen war. Da beschloss der Landgraf hier eine Stadt zu gründen – die Stadt auf der lichten Aue. Zur Erinnerung an das Bäuerlein hält der hessische Löwe im Stadtwappen fortan die Laterne in seinen Pranken.

 

Hessisch Lichtenau wird erstmals urkundlich im Jahr 1289 erwähnt. Doch wird die Stadt bereits in den Jahrzehnten zuvor, etwa ab 1260, durch Landgraf Heinrich I. von Hessen errichtet worden sein. Fragen wirft das bei der Ersterwähnung verwendete Stadtsiegel auf, auf dessen Umschrift „SIGILLUM CIVITATIS DE WALBERC“ zu lesen ist, während in der Urkunde aber „sigillum burgensium nove civitatis Lichtenowe“ steht. Offensichtlich wurde ein älteres Siegel aus dem benachbarten Walburg verwendet, das wohl zunächst zur Stadt erhoben werden sollte, möglicherweise in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts durch die Ludowinger.

Bereits 1294 werden ein Bürgermeister und ein Pfarrer genannt, 1313 Schöffen und 1318 ein Stadtrat. Demnach war in der Zeit um 1290 bereits eine Stadtverfassung existent und das städtische Wesen ausgeprägt.

Vor Errichtung der Stadt gehörte die Gemarkung zu den Gütern Graf Heinrich III. von Reichenbach und seiner Söhne. Diese übertrugen 1219 und noch einmal 1220 ihre Güter und Dörfer +Vortriden, +Poppenhagen, +Beldrichsfeld, +Hezzelshagen, +Wezzelsroith, +Dorrenbach, +Viscbach und +Kamphis an den Deutschen Orden.

Hessisch Lichtenau diente den Landgrafen von Hessen oft als wichtiger militärischer und herrschaftlicher Stützpunkt im Fulda-Werra-Bergland, unter anderem bei den Feldzügen Landgraf Hermanns gegen das mainzische Eichsfeld sowie gegen Otto von Braunschweig und Balthasar von Thüringen in den Jahren 1374 bis 1390.

 

 


Ansicht von Burg Reichenbach (1626), aus: D. Meisner/E. Kieser, Thesaurus Philopoliticus oder Politisches Schatzkästlein Bd. 1,
Faksimile-Neudruck der Ausgabe Frankfurt/Main 1625-1626 u. 1627-1631, Nördlingen 1992, Buch 8, Nr. 37
 

Während des Dreißigjährigen Krieges hatte die Stadt sehr zu leiden. Fast durchgehend war die Stadt durch kaiserliche Truppen besetzt und mehrfach geplündert worden. 1635 gelang es hessischen Truppen Lichtenau zu überrumpeln und innerhalb der Stadtmauer rund 200 Kroaten niederzumachen, zwei Jahre später, 1637, wird die Stadt von kroatischen Truppen erstürmt und ein Blutbad angerichtet. Rund ein Drittel der Bevölkerung kam dabei ums Leben und über 80 Wohngebäude sowie Rathaus und Stadtkirche wurden zerstört. Die Stadtbefestigung wird 1642 verstärkt und 1643 erhält die Stadt sogar eine kleine Schutzgarnison. Nach dem Dreißigjährigen Krieg begann der Wiederaufbau, die Stadtkirche ist erst 1671 wieder hergerichtet. Eine erste Postanstalt wird 1682 errichtet, ein Jahr später wütet die Pest. Im Siebenjährigen Krieg wird Hessisch Lichtenau von französischen Truppen besetzt, an die hohe Abgaben zu entrichten sind. Die Gründung von Friedrichsbrück als „Kolonie“ durch Landgraf Friedrich II. von Hessen erfolgte 1777 auf Antrag der Stadt. Von 1806 bis 1813 ist Hessisch Lichtenau Teil des Königreichs Westfalen und erneut von Franzosen besetzt, die Stadt gehört zum Werra-Departement und der Code Napoleon wird eingeführt. Mit dem Rückzug Napoleons 1813 kommt es zu Unruhen und Übergriffen gegen die französischen Besatzer.

 

Plan der Stadt Lichtenau nach dem Stand von 1754 und ihrer nächsten Umgebung nachdem Stand von 1897,
aus: Karl Heinemeyer, Hessisch Lichtenau in der älteren hessischen Geschichte, Hessisch Lichtenau 1990, S. 17
 

Die Zeit von 1832 bis 1850 ist geprägt vom Ausbau der Verkehrswege, 1862 wird an der Retteröder Straße ein Kohlenlager bergmännisch erschlossen. Ein großer Stadtbrand zerstört 1875 18 Wohnhäuser und 34 Nebengebäude und 1879 wird die Bahnstrecke von Kassel über Hessisch Lichtenau nach Eschwege eröffnet. Ein weiterer Großbrand zerstört 1886 20 Wohn- und 34 Nebengebäude sowie die Stadtkirche. 1889 feiert die Stadt ihre 600-Jahrfeier und trägt nun den amtlichen Namen „Hessisch Lichtenau“, zeitgleich wird die Stadtkirche eingeweiht. Ein Neubau für das Amtsgericht erfolgt 1895, 1897 wird ein neues Postamt errichtet. Mit dem Bau der Fabrikanlagen von Fröhlich & Wolff wird das beschauliche Städtchen zur Industriestadt, die Elektrifizierung erfolgt aber erst 1912. Mit dem Dritten Reich wird in Hessisch Lichtenau eine Sprengstofffabrik in Hirschhagen errichtet, ein Flugplatz sowie zahlreiche Lager für die Beschäftigten des Werkes. Die Stadt erhält auch ein Freibad. Mit Kriegsende wuchs die Bevölkerung sprunghaft von 4035 im Jahr 1945 auf 5403 im Jahr 1950 an, da insbesondere Flüchtlinge aus den abgetretenen Ostegebieten hier Aufnahme fanden. Mit der Gebietsreform 1973 wurden zwölf Gemeinden und die Stadt zur neuen Stadt Hessisch Lichtenau zusammengeschlossen. Die Bahnverbindung nach Kassel wurde 1985 nach 106 Jahren stillgelegt, doch seit 2006 ist Hessisch Lichtenau wieder durch die Regio Tram und die Lossetalstraßenbahn an das Oberzentrum Kassel angebunden.

 

Blick auf den Eulenturm am Junkerhof