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Am Morgen des berüchtigten, mit Fluch bedeckten Tages saß ich ohne Ahndung der Greuel, welche vorbereitet wurden, um 9 Uhr noch am Schreibtisch, als man mir hinterbrachte, es gehe das Gerücht, Sr. Majestät der König seye mit dem ganzen Ministerium von 2 sehr distinguirten Officiers, dem Obersten von Dörnberg und Langenschwarz, verhaftet, die Garden gewonnen und um 12 Uhr solle sowohl hier als in ganz Deutschland eine combinirte Insurrektion ausbrechen, zu welchem Ende der von mir längst bezeichnete Landbereiter, jetzt aufs Neue als Zwangsbefehlsträger angestellte Weiffenbach in Wassmuthshausen und Rodemann in diesem Augenblick stürmen lasse und weiter in alle Dörfer der Waldgegend reite. Auf der Stelle begab ich mich zu dem hiesigen Commandanten, der (so!) Cuirassier Rittmeister Müller, theilte ihm die Nachricht mit und bat, Patrouillen auszuschicken und den Grund oder Ungrund des Gerüchts zu erforschen. Ich war mir selbst überlassen, der Friedensrichter Fenner auf Urlaub nach Bremen, mithin1) auch die Cantonsverwaltung zu besorgen überlassen, und meine 70jährigen oder kranken Adjunkten ließen sich nicht sehen. — Der Rittmeister Müller lachte zu dieser Nachricht, so wenig war auch ihm von der infamen Geschichte bekannt, doch hielt auch er es für nöthig, keine Vorsicht zu verabsäumen, und ein Unterofficier wurde zur Patrouille nach Wassmuthshausen beordert. Ich begab mich nach Hause um Eilboten an Ew. Hochwohlgeboren und den Herrn General-Commissaire von Wolff mit einer berichtlichen Anzeige zu expediren, allein kaum hatte ich drei Zeilen geschrieben, so wurde schon mit allen Glocken gestürmt. Ohne Wehr und Waffen, ohne Huth und Stock lief ich dem Glockenthurm zu, um dieses zu verhindern, dort aber fand ich schon, wie vom Himmel geregnet, den Schurken Martin in seiner ehemaligen Auditeuruniform, Hessischen Federbusch, roten Cocarde, ein dergleichen Band an dem Arm mit den Worten „Sieg oder Tod'“ und stark bewaffnet. Im Augenblick wurde ich von seinen Helfershelfern umringt, zum Arrestanten erklärt und abgeführt, würde ich mich weigern, so solle die rothe Fahne auf mein Haus gepflanzt und dieses eingeäschert werden. Man rief noch dem Kanibal Ehrenfeld zu, welcher mich mit 3 Pistolen, einer Büchse und Säbel bewafnet escordirte: „halt den Kerl fest, damit er nicht entwischt“. In diesem Zustand wurde ich nach Hause geführt und dort bewacht. Jetzt sagte mein Wächter, wenn der Friedensrichter Fenner hier wäre, so würde er gebunden in den Thurm geworfen werden, weil Ehrenfeld in Marburg einen Bericht von seiner eigenen Hand gelesen habe, in welchem derselbe anzeige, der Lieutenant von Baumbach reise, vermuthlich um die Conscription zu hintertreiben, im Lande umher, — man mögte ihn arretiren, wo man ihn fände, es wären aber schon Staffetten hinter ihm2) hergeschickt und er werde doch, wo er auch in Deutschland sey, an dem heutigen Tage verhaftet, denn schon ein ganzes Jahr hätten große Männer an dieser Insurrektion gearbeitet. Mich habe man um deß- [deswillen]

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1) Zu ergänzen: mir.

2) D. h. dem Friedensrichter Fenner.

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