Aus Stadt und Land 73 Die vor 125 Jahren gegründete Deutsche Kolonialschule hat Witzenhausen geprägt. Ohne die Gründung wäre die Stadt zwar idyllisch gelegen, aber ein abgehängter Provinzort geblieben. Das war das Fazit eines Vortrags von Dr. Karsten Linne (Göttingen) bei einer gemeinsamen Veranstaltung von Universität und Geschichtsverein zur Bedeutung der Kolonialschule und ihrer Folgeeinrichtungen. Linne ist Verfasser des Buches “Von Witzenhausen in alle Welt” (erschienen 2017). Die 1898 gegründete Deutsche Kolonialschule (DKS) besaß lange Zeit das Monopol auf die Ausbildung von Tropenlandwirten in Deutschland. Linne zeichnete in seinem Vortrag die Geschichte der Ausbildungsstätte von den Anfängen über zwei Weltkriege und die Neuausrichtung nach 1945 auf. Zäsur war 1971 das Aufgehen als Fachbereich der Gesamthochschule Kassel (heute: Universität). Es habe eine langsame Ablösung von den kolonialen Inhalten nach der Wiedergründung 1957 gegeben. Wichtiger Schritt sei die Etablierung des Seminars für ländliche Entwicklung 1963 gewesen. Es erhielt durch Prof. Franz Hermann Riebel neue Impulse. Riebel präsentierte den Entwurf eines Leitbildes für landwirtschaftliche Fachkräfte der mittleren Ebene. Linne würdigte aber auch die Arbeit von Prof. Hans-Joachim Glauner, der nicht nur die Landwirtschaft im technischen Sinne sah, sondern den Menschen im ländlichen Raum. Einen anderen Ansatz in seinem Vortrag hatte Dennis Yazici (Kiel). Die Ausbildung in Witzenhausen sei in den Kolonien auch kritisch gesehen worden. So habe man die Vernachlässigung der Tierwirtschaft zugunsten der Pflanzenproduktion beklagt. Dies führte bereits 1908 zu einer Umstellung des Lehrplanes. Die Viehzucht wurde eigenständiges Fachgebiet. Yazici schilderte den Alltag der Farmer in den Entwicklungsländern. Der Referent spannte den Bogen vom theoretischen Anspruch zum Farmeralltag in den Kolonien. Eröffnet worden war die gut besuchte Veranstaltung von Dekanin Prof. Dr. Maria Finckh und dem Vorsitzenden des Geschichtsvereins, Hans-Jürgen Markolf. Er wies auf die traditionell guten Kontakte des Geschichtsvereins zu den Hochschullehrern hin. (wke) DIE DEUTSCHE KOLONIALSCHULE HAT WITZENHAUSEN GEPRÄGT Historiker Karsten Linne zur Bedeutung der Uni Gruppenbild der Akteure. Hans-Jürgen Markolf, Moderator Dr. Jadon Nisly- Goretzki, Dekanin Maria Finckh, Techniker Johnny Ibraimo (hintere Reihe, von links). Vorne von links Dr. Karsten Linne und Dennis Yazici. Foto: Werner Keller