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40 Schnell wurden Barikaden errichtet, so in der Fischgasse, Obersten Gasse, Königsstrasse u. s. w. Man rottete sich zusammen, um Rache an der Garde-du-Corps zu nehmen und gleichzeitig auf den Trümmern der Residenz und des Kurstaates die ersehnte rothe Republik einzurichten. Was diesen erregten Massen noch fehlte, waren Waffen. Von diesen aber lagerten im grossen Zeughause zahlreiche Vorräthe, bis unter das Dach hoch aufgespeichert, vor allem Artilleriematerial, darunter besonders Tausende von ausrangirten Lunten für die Geschütze. Unbegreiflicher Weise hatte man jede militärische Besetzung des Zeughauses unterlassen, so dass nur eine einzige Schildwache, an diesem Abend ein Gardist, vor dem weitläufigen Gebäude Wache hielt. Der Befehl, durch eine Compagnie Leibgarde das Zeughaus zu schützen, war aus formellen Bedenken des Stadtcommandanten General von Lepel zurückgezogen und man glaubte für das Zeughaus sei keine Gefahr zu befürchten, da die Artilleriekaserne in unmittelbarer Nähe war, und man im Nothfalle sofort über 180 Gewehre der Pionier- und Handwerkercompagnie wie über 300 Säbel der Fahrer und Bedienungsmannschaften verfügen konnte. Irgend welche bestimmte Befehle an die Artillerie waren nicht ergangen. Die Lage vor dem Zeughause wurde höchst bedenklich, als die Volksmasse, durch Zuzug aus Gassen und Gässchen verstärkt, immer lauter drohte und nach Waffen schrie. Major Moyé, der Commandant des Zeughauses, schlug das Ansinnen, das Zeughaus zu öffnen, rundweg ab, worauf einige Brauburschen, da das Hauptthor den Axtschlägen widerstand, eine Seitenthür erbrachen und der Menge den Eintritt in die Waffensäle ermöglichten. Mit Fackeln und Strohwischen betrat man jetzt die Räume des Zeughauses, plünderte Schränke und Kisten, nahm Kürasse, Helme, Gewehre, ja sogar Trophäen früherer Siege von den Wänden herab und schleppte sie als leicht erworbene Beute heim. Das beklagenswerthe Ereignis vollzog sich, während dicht daneben eine ganze Artilleriebrigade ihr Kasernement hatte. Dieselbe hatte indessen keinen Befehl zum Eingreifen erhalten, hätte auch, da die Verbindung mit dem Friedrichsplatze zeitweise abgeschnitten war, einen solchen nicht erhalten können. Was sollte sie thun? Officiere und Mannschaften waren vom besten Geiste beseelt. General Gerland, der Commandeur der Artilleriebrigade, war indessen erst abwesend, und als er erschien, war die Ausräumung bereits in vollem Gange. Da augenscheinlich der einzige, von der Menge umdrängte Infanterieposten ausser Stande war, der Plünderung Einhalt zu thun, liess der in der Kaserne anwesende Leutnant Müller 20 Artilleristen den Säbel umschnallen und begab sich mit ihnen, um die Plünderer zurückzudrängen, nach dem Zeughausthore. Hier begegnete ihnen General Gerland, der den Officier und seine Artilleristen in die Kaserne zurückschickte.*) Ob General Ger- ____________ *) Mündliche Mittheilung des Stationsvorstehers a. D. Martin Wiegand zu Cassel, der einer dieser 20 Artilleristen war.
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