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folgte der Vortrag des Archivrat Dr. Küch: „Mar burg vor dem Bauernkriege“. Der Vortragende knüpfte an die neueren Forschungen über die Ur sachen des Bauernkriegs an. Indem er darauf hinwies, daß die Kraft und die Gefahr der Bewegung in dem Zusammenwirken des bäuerlichen mit dem städtischen Proletariat beruht habe, hob er die Notwendigkeit hervor, auch die städtischen Zustände im einzelnen zu untersuchen. Zur Betrachtung gerade der Verhältnisse Marburgs vor dem Bauernkriege war er ver anlaßt worden durch die Auffindung neuer urkundlicher Quellen. Er zeigte dann, wie sich von den ersten Zeiten der Stadt bis zum Jahre 1525 die Zustände in politischer, sozialer und wirtschaftlicher Beziehung entwickelt hätten. Der immerwährende Kampf der Gemeinde mit der Schöffenaristokratie um den Anteil an der Regierung und um die Kontrolle der Finanzverwaltung war auch im 16. Jahrhundert noch nicht zur Ruhe gekommen. In sozialer Hinsicht stand den wenigen reichen Bürgern in den Zünften und der Gemeinde eine breite Unterschicht gegenüber, die besonders durch die sehr bedeutende Wollenindustrie den Charakter eines Fabrikproletariats erhalten hatte. In wirtschaftlicher Beziehung waren zwar keine hervorstechenden Übelstände zu bemerken, aber auch hier wurden vielerlei Wünsche nach Besserung der Ver hältnisse laut. Man klagte über die Kornspekulanten, die den Armen das Brot verteuerten, wünschte einen neuen Markttag, um den Absatz der Handwerkspro dukte zu vermehren, forderte die Vertreibung der Juden, und der ackerbautreibende Teil der Bevölke rung fühlte sich beengt und beeinträchtigt durch die übermäßig große Schafzucht des Deutschen Ordens und der benachbarten Dörfer. Auch die Bevorzugung Anderer beim Verkauf des Holzes aus den landesherr lichen Wäldern wurde drückend empfunden. Diese im September 1525 von der Stadt niedergelegten Beschwerdepunkte wurden von dem Vortragenden näher erörtert und namentlich auf ihre Beziehung zu den 12 Artikeln der Bauern untersucht, von denen sie offenbar beeinflußt sind, wenn sie auch naturgemäß

 

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