Römisches Desinteresse am Eder-Gold?
Hessen wurde im Jahre 15 von einer römischen Armee überfallen und so gut es ging verwüstet. Die Hessen (Chatten) hatten der vieltausendköpfigen Profitruppe nichts entgegenzusetzen. Doch deren kommandierendem General, Germanicus Iulius Caesar, muss ein gravierender strategischer Fehler unterlaufen sein, glaubt man einer Bemerkung der Berliner Zeitung vom 30. April 2004: Germanicus setzte sich offenbar nicht in den Besitz der beachtlich großen Goldschätze, die die Eder mit sich führte, Goldschätze, aus denen man in späteren Jahrhunderten sogar Golddukaten prägen sollte. Die nordhessische Geschichte wäre sicher ein wenig anders gelaufen, wenn die Römer geblieben wären. Doch warum ließen die Römer das Gold im Waldecker Land?
Die Berliner Zeitung schreibt (,Reise', S. R 2): „Der römische Geschichtsschreiber Tacitus erwähnt in den Analae Germania die Aedra, die heutige Eder, als goldführenden Fluss."
Diese weniger bedeutende Zeitungsmeldung wäre sicher bald vergessen worden, wenn nicht das August-Heft des angesehenen Hessen-Kuriers sie nur ganz geringfügig verändert aufgenommen hätte. Der Kurier schreibt (Jg. 42, 2004, Heft 8, S. 34): „Der römische Geschichtsschreiber Tacitus hat bereits in seiner Analae Germania einen goldführenden Fluss erwähnt: die Aedra, die heutige Eder."
Die Nachricht wird jetzt nach der Nobilitierung durch das Organ der regierenden Partei als lokalkompetent und interessant empfunden: Am 1. September 2004 verbreitet sie der Touristik Service Waldeck-Ederbergland aus Korbach weltweit im Internet, am 29. Mai 2005 der Sonntagszeitung- und Internet-Dienst SonntagAktuell, und am 11. Juni 2005 wird die Meldung durch einen ansonsten fachlich hervorragenden Artikel des Lengenfelders Ingo Löffler sozusagen „amtlich" in einem viel benutzten Lexikon, dem webbasierten „Mineralienatlas" (derzeit über 23.000 Seiten Umfang).
Ein Werk mit dem Titel Germania hat Tacitus tatsächlich um das Jahr 98 geschrieben,
doch darin steht nichts über Edergold. Wenn man in den Büchern des Tacitus weitersucht, findet man schließlich in den um 110/120 verfassten Annales (nicht: Analae) einen Fluss in Hessen, der zwar nicht Aedra heißt, sondern Adrana, der aber nach dem Kontext der einzige ist, auf den der Artikel der Berliner Zeitung Bezug genommen haben kann.
Das Wort Adrana kann sprachgeschichtlich zweifellos eine latinisierte Form des Namens Eder sein, es könnte allerdings auch einen anderen, ähnlich strukturierten hessischen Flussnamen wiedergeben.
Bei Tacitus (Ann. 1,56,3) heißt es im Zusammenhang mit dieser Adrana: „Die jungen Krieger hatten den Fluss schwimmend überwunden und versuchten, die Römer, die begannen, eine Brücke zu bauen, daran zu hindern. Dann wurden sie mit Wurfgeschossen und Pfeilen vertrieben, man versuchte ohne Erfolg, einen Frieden zu vereinbaren, und nachdem einige zu Germanicus übergelaufen waren, verließen die anderen ihre Gaue und Dörfer und zerstreuten sich in den Wäldern." - lateinisch: Iuventus fumen Adranam nando tramiserat, Romanosque pontem coeptantes arcebant; dein tormentis sagittisque pulsi, temptatis frustra condicionibus pacis, cum quidam ad Germanicum perfugissent, reliqui omissis pagis vicisque in silvas disperguntur.
Vom Gold in der Eder ist an der behaupteten Stelle nirgendwo die Rede, übrigens auch nicht in der Germania des Tacitus, wo er ausdrücklich sagt (Germ. 5,3), man wisse in Rom nicht, ob es in Germanien überhaupt Gold gebe, denn wer hätte das nachgeprüft - quis enim scrutatus est? Das heißt, die Römer waren am Eder-Gold nicht etwa desinteressiert, sie wussten gar nichts davon. Damit soll freilich nicht etwa der römische Feldherr Germanicus rehabilitiert werden. Man sieht aber, wie Legenden entstehen und gutgläubig verbreitet werden, auch noch im 21. Jahrhundert.
Susanne Daub, Köln
vorherige Seite  -  zurück  -  nächste Seite
 
 
vorherige Seite  -  zurück  -  nächste Seite