Dokumentation zum Tag der Hessischen Landesgeschichte am 19. September 2009 in Kassel
175 Jahre 1834−2009  Verein für hessische Geschichte und Landeskunde Kassel 1834 e.V.

 

aus der Chorgruft hierher überführt. Im späten 18. Jahrhundert nahm man jedoch von Kirchenbestattungen Abstand, und so erfolgte 1782 die letzte fürstliche Beisetzung in der Martinskirche. Während die Särge in der zweiten Gruft ursprünglich in Regalen gestapelt waren, nahm man 1897–1899 und 1934 größere Umstellungen und Erweiterungen vor. 1943 wurde diese Gruft durch einen Bombentreffer schwer beschädigt. Im Zentrum des neuen Gruftraums stehen heute die Prunksärge Landgraf Karls und seiner Frau Maria Amelia; sie hatten die Zerstörung in einem Gewölbe im Nordturm überstanden, wurden 1945 allerdings geplündert und in der Nachkriegszeit durch Metalldiebe fast vollständig ihrer aufwendigen Dekorationen beraubt. Ringsum stehen die Prunksärge vierer erwachsener Kinder des Landgrafenpaares, in einem 1934 angelegten Nebenraum ruhen Karls Tante Elisabeth, Äbtissin von Herford (bis 1949 in der Chorgruft) und sein Bruder Georg. Diese acht Särge wurden 2006/07 restauriert. Unter dem Fußboden beider Grufträume liegen in niedrigen, unzugänglichen Kammern seit 1934 die Kindersärge und die Erwachsenensärge aus Holz, darunter auch Wilhelm VIII. Die Reste der übrigen sechs Prunksärge, die 1953 bei Abbrucharbeiten aus den Trümmern gezogen wurden, können noch nicht wieder besichtigt werden; für die nahe Zukunft ist allerdings ihre Restaurierung geplant.
Der Weg vom Ständeplatz zur Martinskirche war zugleich ein Streifzug durch die Kasseler Geschichte; die Stationen können hier nicht alle ausführlich beschrieben werden, so dass nur kurz die wichtigsten Punkte erwähnt seien:
Die Treppenstraße (1) führt aus der ehem. Friedrichs-Wilhelms-Stadt (ab 1834) in die Oberneustadt hinab (spätes 17. / 18. Jahrhundert): Sie wurde ab 1947 als Fußgängerzone angelegt und gilt als wichtiges Ensemble der 1950er Jahre; der weite Fernblick fällt bis zu den Höhenzügen des Kaufunger Waldes. Die Wolfsschlucht (2) bezeichnet der Verlauf der Kasseler Zollmauer um 1768–1834. Der heutige Straßenname war ursprünglich ein Spottname und bezog sich auf Johann Heinrich Wolff, der hier als einer der ersten Bauherren fünf große Wohnhäuser errichtet hatte; angesichts des üblen Rufs des Weges „hinter der Mauer“ dürfte er zugleich aber auch eine Anspielung auf die schaurige „Wolfsschlucht“ im „Freischütz“ sein.
Die Königsstraße (3) war die repräsentative Hauptstraße der Oberneustadt; statt der Wohnhäuser und Palais des 18. Jh. bestimmen heute Geschäftshäuser der Nachkriegszeit das Bild. Den südlichen Blickpunkt der Straße bildet das hessische Landesmuseum von 1913, welches u. a. auch Sammlungsobjekte aus dem Besitz des VHG enthält.
Der Friedrichsplatz (4) entstand nach Schleifung der Stadtbefestigung (ab 1767), als Verbindung zwischen der alten Kernstadt und der barocken Oberneustadt. Das Museum Fridericianum (eine bedeutende Leistung der Aufklärung) enthielt bis 1941 auch die Landesbibliothek und ist daher eng mit der Geschichte des VHG verbunden. Die Marmorstatue Friedrichs II. in der Platzmitte ist ein Werk des Hofbildhauers J. A. Nahl. Vom Kurfürstlichen Residenzpalais (ab 1821) blieb nach den Kriegsschäden und den Abbrüchen der Nachkriegszeit nur der Portikus des Roten Palais erhalten; die Innenausstattung galt als eine der besten Leistungen des Empire-Stils in Deutschland. Durch die Bernhardistraße (5), welche an einen der Gründer des VHG erinnert, gelangt

vorherige Seite  -  zurück  -  nächste Seite
 
 
vorherige Seite  -  zurück  -  nächste Seite