42 Zweigvereine
„Ausgrabungen und Funde die Hauptquelle
wissenschaftlicher Erkenntnis“ sind.
Die Referentin verdeutlichte Aussagekraft
und Vermittlungspotential unliebsamer Denkmäler
an konkreten Beispielen aus der Region.
Die Wegscheide Bad Orb z. B. war ab
1914 zusammen mit den Orten Villbach und
Lettgenbrunn zunächst Truppenübungsplatz
und Ausbildungsstätte
von Rekruten. Davon
zeugen Reste von
Schützengräben, die
zum Übungszeck angelegt
worden waren.
Während des Zweiten
Weltkrieges wird
die Wegscheide zum
Stammlager (Stalag)
IXB, in dem Kriegsgefangene
untergebracht
waren, die in der Region
zu Zwangsarbeit
eingesetzt wurden. Besonders
Versorgung
und Unterbringung der
russischen Kriegsgefangenen
war vernichtend,
wie ein britischer
Kriegsgefangener berichtet: „Sie haben fürchterlich
gehungert, haben Typhus bekommen.
Warum bekommt man Typhus? Du verhungerst.
Kriegst ein bißchen Scheiß-Seife für deine
Hygiene. Die Seife besteht zu 90 Prozent aus
Gips, aber es gibt ein bißchen Fett dabei – und
die Russen haben die Seife gefressen, natürlich.
Sie hatten so viel Hunger. (…) Statt sie zu impfen,
hat man einfach die Wachen verdreifacht
um das russische Lager und hat sie krepieren
lassen.“ Eingepfercht in ein Lager hausten sie
im Freien. Sie gruben sich zum Schutz in die
alten Übungsschützengräben ein. Allein im
Winter 1944/45 starben 1430 von ihnen. Die
bis heute als „Russengruben“ bezeichneten Bodenstrukturen
sind als potentielle Bodendenkmäler
für diesen wenig dokumentierten Teilaspekt
der Geschichte von Kriegsgefangenen und
Zwangsarbeitern anzusehen.
Mit dem Referat zum Thema „150 Jahre preußische
Annexion Kurhessen“, widmete sich
der ZV Gelnhausen einem
etwas „aus dem
Blick geratenen Jubiläum“.
Der Heidelberger
Historiker Dr. Ingmar
Arne Burmeister
überraschend mit dem,
auf den ersten Blick
überraschenden Eingangsstatement:
„Der
Widerstand gegen die
Annexion Kurhessen
durch Preußen war eher
gering.“ Im Sommer
1866 besetzten preußische
Truppen nahezu
kampflos Kurhessen,
das im August desselben
Jahres gemeinsam
mit Nassau, Hannover,
Schleswig und Holstein in den preußischen
Staat einverleibt wurde. Damit wurden auch
das Kinzigtal und die bis dahin freie Reichsstadt
Frankfurt/Main preußisch. Burmeister erläuterte
eindrücklich, warum die Annexion
sich letztlich eher als Integration Kurhessens
in Preußen darstellt, die gewissermaßen die
Reichsgründung von 1871 vorbereitete. Zwar
führte Preußen zeitlich begrenzt auf ein Jahr
ein diktatorisches Regime durch, um vor allem
die Rechtsstandards an Preußen anzupassen, allerdings
wurden den Hessen auch Sonderrechte
eingeräumt, wie der Erhalt des Staatsschatzes
Der Vorsitzende des ZV Gelnhausen Michael Lapp mit
Dr. Arne Burmeister (rechts) nach dessen Vortrag über
das 150-jährige Jubiläum der Annexion Kurhessens
durch Preußen 1866. Foto: ZV Gelnhausen
vorherige Seite  -  zurück  -  nächste Seite
 
 
vorherige Seite  -  zurück  -  nächste Seite