46 Zweigvereine
Schultern, die Schuldgefühle des Kindes gegenüber
seinen ermordeten Eltern, waren unerträglich
groß. Er wollte die Vergangenheit
vergessen – und vererbte das Unausgesprochene
und seine Trauer an die nächsten Generationen
seiner Familie.
Dem Hofgeismarer Jungen Erwin Goldschmidt
war es gelungen, seinen Eltern und
den beiden Schwestern eine Bürgschaft zu
beschaffen, die Voraussetzung für ihre Einreise
im Jahr 1939 nach Amerika war. Den
Schmerz, dass er vielen Verwandten nicht
hatte helfen können, die ihn in ihren Briefen
um Hilfe angefleht hatten, hat er sein ganzes
Leben nicht bewältigen können.
Nur wenigen der damaligen Flüchtlingskinder
gelang, was Dorrith Sim schaffte:
Trotz der Verlusterfahrungen in ihrer Jugend
konnte sie ihre Lebensfreude behalten
und an andere weitergeben. So waren
die am Projekt beteiligten Kinder erstaunt,
in Dorrith Sim auch eine Autorin kennen zu
lernen, die lustige Geschichten für Kinder
schreiben konnte, z. B. die zehn Episoden um
„Tante Aggie“ und „Onkel Joe“. „Man kann
trotzdem fröhlich sein im Leben, auch wenn
man früher etwas Schlimmes erlebt hat.“ So
fasste ein Achtjähriger seine Erkenntnis zusammen.
Auf der Grundlage des Buches „In Meiner
Tasche“ hatten sich Schüler von zehn unterschiedlichen
Schulklassen unter der Anleitung
der beiden Museumspädagogen Gabriele
Hafermaas
und Julia Drinnenberg intensiv mit
den Themen Ausgrenzung, Verfolgung, Trennung
und Flucht beschäftigt. Beteiligt waren
vier Grundschulklassen der Würfelturmschule
Hofgeismar, eine Klasse der Grundschule
Diemelaue aus Trendelburg, eine Grundschulklasse
der Unterneustädter Schule in Kassel,
eine siebte Klasse der Brüder-Grimm-Schule
in Hofgeismar (Schule für Lernhilfe), eine
Klasse der Käthe-Kollwitz-Schule in Hofgeismar
(Schule mit dem Förderschwerpunkt geistige
Entwicklung und einer Abteilung für körperliche
und motorische Entwicklung) und die
Kindergruppe des Sara Nussbaum Zentrums
in Kassel.
In einem zweiten Schritt las jede Klasse
eine der Geschichten um „Tante Aggie“, von
Dorrith
Sim. Gabriele Hafermaas und Julia
Drinnenberg sind beide Illustratorinnen von
Beruf und konnten so die Kinder bei der Gestaltung
der Geschichten zu zehn illustrierten
Büchern praktisch „in die Lehre“ nehmen.
„Erinnerungskultur“ als aktives Erarbeiten
der Vergangenheit und zukunftsgerichtetes
Lernen daraus finden ihren Ausdruck auch in
den Besucher-Büchern, die während der Ausstellung
entstehen. Jeder Besucher hat nämlich
die Möglichkeit, an die Nachkommen der
Familien von Dorrith Sim, Erwin Goldschmidt
und Hans Alfred Mathias zu schreiben, oder
seine Gedanken in künstlerischer Form mitzuteilen.
Mit der Präsentation der bunt illustrierten
Kindergeschichten der Autorin Dorrith Sim
wagt die Hofgeismarer Ausstellung bewusst
einen starken Kontrast zum historischen Hintergrund
und der Dokumentation tragischer
Kinderschicksale vor 80 Jahren, aber sie ergänzen
diese um den Aspekt einer positiven
Lebensbewältigung nach einem Kindheitstrauma.
Mit diesem deutlichen Akzent richtet
sich der Blick der Ausstellung von der Vergangenheit
auf die Zukunft: „Ich finde, es ist
egal, welche Religion man hat, ob man eine
andere Sprache hat oder ob jemand anders
aussieht. Alle Menschen sind gleich“, so eine
Schülerin.
Die Sicht der heutigen Kinder lässt hoffen.
Julia Drinnenberg
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