Zweigvereine 45
beispiellosen Rettungsaktion in England aufgenommen
wurden.
Der innigste Wunsch von Hans und Trude
Oppenheim aus Kassel, bald wieder bei ihrer
kleinen Tochter zu sein, erscheint wie eine
Beschwörungsformel, bedenkt man ihre Situation
als Juden im Oktober 1939 im Deutschen
Reich. Nach den Verfolgungen und der
Bedrohung seit 1933 und besonders unter
dem Eindruck der Novemberpogrome 1938
in Kassel hatten sie im Sommer 1939 schweren
Herzens entschieden, ihr einziges Kind
fortzugeben und ins sichere Ausland bringen
zu lassen. Mit dem Ausbruch des Krieges
im September 1939 war es aussichtslos
für die Eltern, noch aus Deutschland herauszukommen.
Dorrith sollte ihre Eltern nie wiedersehen;
sie wurden am 12. Oktober 1944 in
Auschwitz ermordet.
Insgesamt wurden ca.18.000 Kinder nach
England, in die USA, die Schweiz, nach Holland,
Schweden, Australien oder Palästina in
Sicherheit gebracht. 1,5 Millionen Kinder dagegen
waren unter den Opfern des Holocaust.
Die Hofgeismarer Ausstellung dokumentiert
im Besonderen die Rettung jüdischer Kinder
nach England. Sie zeigt, wie es selbstlose Helfer
möglich machten, innerhalb weniger Monate
10.000 Kinder aus Deutschland und den besetzten
Gebieten herauszuholen und in England
und Schottland in Familien oder Heimen unterzubringen.
Die britische „Willkommenskultur“,
wie man sie wohl heute nennen würde, die Organisation,
die Arbeit der Helfer, die Transporte
aus der Sicht der Eltern und der Kinder selbst
werden konkretisiert am Beispiel der Lebensgeschichten
der Dorrith Sim aus Kassel und
der beiden Hofgeismarer Jungen Erwin Goldschmidt
und Hans Alfred Mathias. Ihre Flucht
aus dem Deutschen Reich und das Schicksal ihrer
Familien sind Thema der Ausstellung, aber
auch ihr individueller Weg, mit den prägenden
Kindheitserlebnissen von Ausgrenzung und
Verfolgung, vor allem aber – wie bei den meisten
der geretteten Kinder – mit der Tatsache der
Ermordung ihrer Eltern fertig zu werden.
Auch Hans Alfred Mathias aus Hofgeismar
sah seine Eltern nie wieder. Die Last auf seinen
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