Zweigvereine 51 Vor 80 Jahren wurden die letzten noch verbliebenen Jüdinnen und Juden aus ihrer nordhessischen Heimat in die Vernichtung verschleppt. Dr. Heinrich Nuhn vom Rotenburger Geschichtsverein hat sich auf Spurensuche begeben. Im Jahr 1942 endete eine bis ins Mittelalter reichende Tradition jüdischen Lebens und Schaffens in den Städten und Dörfern des Landkreises Hersfeld-Rotenburg. Für 52 Ortschaften kann die Ansiedlung jüdischer Familien über sechs Jahrhunderte hin hier nachgewiesen werden, mit der ältesten Nennung einer Familie in Hersfeld 1347, Rotenburg 1350 und Schenklengsfeld 1494. Im deutschen Sprachraum gibt es nur wenige Regionen mit vergleichbar dichter jüdischer Ansiedlung. In Baumbach, Bebra, Heinebach, Hersfeld, Nentershausen, Niederaula und Rotenburg waren jüdische Familien noch bis zum Jahr 1942 verblieben. Hier verharrten sie auch noch nach den schlimmen Verfolgungen, denen sie vor allem im November 1938 ausgesetzt waren. Es waren überwiegend ältere Menschen, die es aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr geschafft hatten, ihre angestammte Heimat zu verlassen – oder dies auch gar nicht wollten. Denn keiner und keine konnte sich vorstellen, was seit der berüchtigten Wannseekonferenz im Januar 1942 zum erklärten Staatsziel geworden war, nämlich die physische Vernichtung der Menschen jüdischer Abstammung. Die hier gezeigten Fotos sind Dokumente der Zugehörigkeit von Menschen, die auf eine lange lokale Verwurzelung und Familientradition zurückblickten. Sie alle konnten nicht ahnen, mit welcher Brutalität sie aus ihrer vertrauten, heimatlichen Umgebung herausgerissen würden. Reise in den Tod: Wie schon die erste Massendeportation am 9. Dezember 1941 mit 475 Juden und Jüdinnen aus Kassel und 549 aus weiteren Städten und Gemeinden des damaligen Regierungsbezirks war auch die Deportation am 1. Juni 1942 komplett durchorganisiert. Die Deportation von 509 jüdischen Menschen unter der Regie der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) basierte auf deren reibungsloser Zusammenarbeit mit Gauleitung, Kriminalpolizei, Ordnungspolizei, Einwohnermeldeämtern, Finanzämtern und der Deutschen Reichsbahn. 59 der Deportierten hatten bis dahin im jetzigen Landkreis Hersfeld-Rotenburg gelebt. Eingepfercht: Am 30. Mai 1942 wurden die jüdischen Menschen aus dem jetzigen Landkreis Hersfeld-Rotenburg mit fahrplanmäßigem Reichsbahnzug nach Kassel gebracht, wo sie zwei Nächte eingepfercht in den heillos überfüllten Turnhallen der Bürgerschulen verbringen mussten, bevor sie zwei Tage später mit ihrem Handgepäck zum Bahnhof zu laufen hatten. Die Fahrt führte zunächst nach Lublin in Ostpolen, nahe der Grenze zur Ukraine. Dort wurden 98 als arbeitsfähig eingestufte Männer im Alter von 15 bis 50 Jahren aus den Waggons herausgetrieben und zur Zwangsarbeit in das Arbeitslager Majdanek eingewiesen. Qualvoll erstickt: Die Frauen, Kinder und älteren Männer wurden direkt in das Vernichtungslager Sobibór gebracht. Dort wurden die Waggons von SS-Personal und ukrainischen Wachleuten geöffnet und die Menschen mit Schlagstöcken und Peitschen herausgejagt. Die Häftlinge, die nicht bereits auf dem Transport zu Tode gekommen oder direkt bei der Ankunft erschossen worden waren, wurden in Kammern Lesenswertes in Auswahl Brutale Vertreibung aus der Heimat – Vor 80 Jahren wurden die letzten Juden aus dem Landkreis deportiert
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