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CXXII

Wie lebte er auf, wenn er von dem herrlichen meer-umflossenen Lande erzählen konnte, das Keiner vergessen kann, der seine sonnigen Gefilde betrat!

Am 4. Juli 1885 würde Schubart sein sechzigjäriges Doctorjubiläum gefeiert haben. Es war die letzte grosse Freude, auf die er im Leben hoffte, nachdem die liebenswürdige Theilnahme, welche die Mitglieder des hessischen Geschichtsvereins ihm am fünfzigsten Stiftungstage desselben gewidmet hatten, seinem Herzen so wohl gethan hatte. Vor einigen Jahren sagte er zum Verfasser dieser Zeilen: „Die hessische Fahne kann heute nicht hoch genug gehalten werden.“ Es lag ihm fern, damit eine Parteistellung bekunden zu wollen, sondern er wollte nur aussprechen, dass gerade heute, wo Hessen zum Theile eines grösseren Ganzen geworden ist, seine Söhne mehr als jemals bestrebt sein sollen und müssen, der alten Stammestugenden eingedenk zu sein, unter denen die Liebe zur Heimath obenan steht.

Der Abend von Schubarts Leben war ein glücklicher. Als ich ihm kurz vor meiner Uebersiedelung nach Kassel zu seinem achtzigsten Geburtstage Glück wünschte, schrieb er mir: „Ich bin nun also in das einundachtzigste Jahr eingetreten und kann Gott nicht genug danken, dass er mir ein gesundes und sorgenfreies Alter geschenkt hat, in kleinster, aber innigster Umgebung. Er segne, wie den Eingang, so seiner Zeit auch den Ausgang.“ Mit herzlicher Liebe war er seiner Gattin zugethan, die seit der Verheirathung seine stete Begleiterin auf seinen Reisen war, ihn jeden Tag in seinen letzten Dienstjahren zur Bibliothek geleitete und von dort wieder abholte, und die, als sein Ende nahte und der bis vor wenigen Monaten so starke Körper der Last des Alters allmählich zu erliegen begann, seine unermüdliche und aufopfernde Pflegerin war bis zum Augenblicke seines sanften Todes.

Die letzten Stunden des Nestors der Pausanias-Forscher waren des Lebens eines ausgezeichneten Ge­lehrten und tiefreligiösen Mannes würdig. In der Nacht vor seinem Tode kehrte die Geläufigkeit der Sprache, die ihn schon mehrere Tage verlassen hatte, zeitweise zurück. Er sprach herrliche Worte von der Toleranz.

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