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des geschichtlichen Verlaufes unstreitig beeinflusst, während die übrigen Theile des ungleichartigen Werkes nach anderen Gesichtspunkten zu richten sind und von einer einheitlichen Tendenz, einem praktischen Zwecke bei den Annalen Lambert’s überhaupt nicht geredet werden darf.

Der Redner geht auf die Prüfung der Beweise über, die man im einzelnen für die Verlogenheit Lambert’s vorgebracht hat. Er bezeichnet den Versuch Delbrück’s, diesen Beweis mit Hülfe von 37 Einzelfällen zu erbringen, als gänzlich misglückt; Delbrück habe hier wie öfters den Nagel neben den Kopf getroffen, seine Arbeit sei ein Unheil für die Lambertkritik geworden; gerade sie müsse übrigens zu der Erkenntnis führen, dass ein Beweis für die subjective Lügenhaftigkeit Lambert’s nicht aufgefunden werden könne. Auch aus den Angaben des Hersfelder Mönchspublicisten über den ihm persönlich nahe liegenden Zehntstreit der Klöster Hersfeld und Fulda lässt sich, wie an einzelnen Beispielen dargethan wird, die Lügenhaftigkeit Lambert’s nicht folgern, nicht einmal seine objective Unzuverlässigkcit für diese Verhältnisse, die er aus eigener Anschauung genauer kannte, von denen er aber immer nur so viel mittheilt, als in den Rahmen seiner geschichtlichen Feuilletons jedesmal passte.

So muss also die Gutgläubigkeit des Hersfelder Mönches entschieden behauptet werden. Darum ist aber kritisches Beachten seiner schriftstellerischen Eigenthümlichkeiten nicht weniger geboten. Lambert’s Urtheile sind eben so vorsichtig zu nehmen, wie seine thatsächlichen Angaben; gar häufig berichtet Lambert ganz den Thatsachen gemäss, wo sein Urtheil in die Irre geht. Bei seiner gesunden Grundlage an Urtheil würde Lambert für ruhige Zeiten auch in dieser Hinsicht ein besserer Gewährsmann geworden sein, aber gerade die Zeiten, die er beschreiben musste, waren geeignet, auch den Verständigsten zu verwirren.

Lambert ist der Repräsentant der politischen Unzufriedenheit in Deutschland, die sich seit dem Tode Heinrich’s III. in zwei Jahrzehnten augesammelt hatte und jetzt gegen die Person des jungen Königs gerichtet war. Lambert sprach aus, was damals — 1077 — viele dachten, denen die Person Heinrich’s IV. mit Recht oder mit Unrecht misfiel. In seiner Parteinahme gegen den König wird Lambert einseitig, aber nicht wissentlich ungerecht, seine Darstellung hat hierunter gelitten wie unter anderen Schwächen seiner Historiographie, z. B. unter seinem Bestreben, die Zeitgeschichte unter erweitertem Gesichtspunkte ohne amtliche Unterstützung, ohne staatsmännische oder auch nur geschichtliche Schulung, allein mit den Hülfsmitteln des angebornen Verstandes und einer rein formalen, einseitig theologischen Bildung darzustellen. Trotz aller dieser Schwächen behaupten Lambert’s Annalen ihren Werth als Geschichtsquelle weiter; zum wenigsten sind sie uns ein getreues Spiegelbild der Anschauungen seines Zeitalters. Aber auch sonst, sollte selbst Lambert in allen seit 40 Jahren angegriffenen Einzelpunkten Unrecht behalten müssen, so verbleibt bei der grossen Ausführlichkeit seines Annalenwerkes ein noch immer stattlicher Kern unangreifbarer Erzählungen. Für die Benutzung Lambert’s im einzelnen lässt sich eine feste Regel nicht

 

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