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eine grosse Anzahl der Anekdoten und Schwänke gehört haben, die er dann aufzeichnete und gemeinsam mit seinem Sohne herausgab. Manche Anzeichen deuten sogar darauf hin, dass bereits der ältere Dionysius, der übrigens wie sein Sohn im Rufe eines lockeren Vogels stand, Schwänke und Schnurren sammelte und in seinen Mussestunden aufschrieb oder doch seinem Sohne erzählte. Otto endlich entschloss sich, diese Sammlung, die er theils durch Plünderung älterer Facetienbücher sowie allerlei juristischer, theologischer und historischer Werke, theils aus dem Schatze eigener Erfahrung beträchtlich vermehrt hatte, durch den Druck weiteren Kreisen zugängig zu machen. Das Buch erschien im Jahre 1600 in Mühlhausen. Es kam ohne Zweifel einem lebhaften literarischen Bedürfnis entgegen, denn es wurde binnen 40 Jahren ein dutzendmal aufgelegt und zweimal ins deutsche übertragen. Der Zweck, den die beiden Melander mit der Veröffentlichung der Jocoseria verfolgten, war, dem damaligen Geschmack ein zusagendes Unterhaltungsbuch zu schaffen. Wie schon der Titel sagt, findet unter dem Inhalt der Jocoseria neben dem Scherz auch der Ernst Berücksichtigung, ja letzterer überwiegt bisweilen stark. Behandelt werden die verschiedensten Materien ; bald treten lasterhafte Personen wie Mörder, Diebe, Wucherer u. a., bald berühmte Philosophen, Könige und Feldherren auf. Grosseres Interesse finden bei uns die volkstümlichen Figuren, der schlaue Jude und der dumme Bauer, der derbe Landedelmann, der faule Schäfer, der verbummelte Student, der Quacksalber und viele andere Typen aus dem damaligen Volksleben. Gerade in dem allgemein menschlichen und kulturgeschichtlichen Moment liegt der grösste Reiz der Melanderschen Anekdoten. Der Humor freilich kommt nicht überall zu seinem Rechte, nur zu oft sind die Geschichten weniger witzig als derb, und vielfach ist der Inhalt der angeblichen Schwanke für unseren Geschmack recht fade, ja jede Pointe fehlt. Auf der anderen Seite freilich steht eine ganze Reihe von Geschichtchen und Schnurren, die ausgezeichnet erzählt werden und wirklichen, echten Humor enthalten ; sie gehören fast alle zur Kategorie der inhaltlich unsauberen.

Redner gab hierauf als Probe aus den Jocoserien die kleine Geschichte von dem Greben von Heiligenrode’ zum besten und wandte sich dann zur Betrachtung der auf einer etwas höheren Stufe stehenden Lügenschnurren. Welch’ dankbares Publikum diese Dichtungsgattung im 16. Jahrh. und später fand, erhellt besonders daraus, dass gerade die Lügenschichten fast ausschliesslich sich durch die ganze Reihe der Schwank- und Anekdotensammlungen bis tief in das 18. Jahrhundert hindurchziehen, wo der Verfasser des ‘Münchhausen’ den grössten Theil der vorhandenen Lügen zusammenstellte, während jene Schwankbücher selbst erst in der Gegenwart wieder hervorgezogen werden.

Redner gibt dann eine ergötzliche Blüthenlese der heitersten Lügenschwänke und Aufschneidereien aus den Jocoserien und betont zum Schluss, dass, wenn der Humor der damaligen Zeit kräftiger in seinem Ausdruck sei, man bedenken müsse, dass eine Kluft von drei Jahrhunderten zwischen damals und jetzt liege; er erinnert daran, dass der grosse Heros des 16. Jahrhunderts,

 

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