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rätherischen Ultimatum der Hanauer. Das Märzministerium Eberhard stiess bald bei dem Kurfürst auf Widerstreben, doch waren die wieder versammelten Landstände eifrig bemüht, die in Aussicht genommenen freisinnigen Gesetze zu berathen. Die überall in Hessen sich bildenden politischen Vereine und Comités unterzog der Vortragende einer eingehenden Besprechung und gab hierauf in grossen Zügen ein Bild der Entwickelung des deutschen Parlaments. In Hessen war durch Gesetz vom 10. April die Art und Weise der Wahl von 11 Nationalvertretern bestimmt, welche in Frankfurt mit den übrigen Delegirten, zwischen den Regierungen und dem Volk das deutsche Verfassungswerk zu Stande bringen sollten.“ Das Parlament ging jedoch darauf aus, mit Nichtbeachtung der gegebenen Obrigkeiten sich selbst zum allein entscheidenden Träger der öffentlichen Gewalt zu machen, in dem Gegensatz zwischen Legitimität und Revolution, in dem Souveränetätsbewusstsein lag der Keim zum Untergang des Parlaments schon verborgen. In Cassel kam es am 9. April zu den bedauerlichen Tumulten der „Garde-du-Gorps-Nacht“ und der Auflösung dieser Truppe. Eine schwere Schädigung des landesherrlichen Ansehens und eine lebhafte Entfremdung der Officiere und ihrer Kreise von den Landständen und der 48er Bewegung überhaupt war die Frucht dieser Ereignisse. Weder die Bürgergarde noch die in Cassel eingerichtete Schutzwache — und am allerwenigsten diese — war dazu angethan, Unruhen zu verhindern, ja sie hemmte sogar thatkräftige Beamte, weil sie in erster Linie zur Aufrechterhaltung der Ordnung herangezogen werden sollte, aber in den meisten Fallen ernsterer Art vollständig versagte. Wo ernsthafte Unruhen in Hessen, wie in Cassel, Hanau, im Schmalkaldischen und an der Werra, überhaupt vorkamen, denn die Gespenster der rothen Republik und des Socialismus fingen auch bei uns an zu rumoren, da lag es wohl stets daran, dass man nicht sofort streng einschreiten konnte, oder sich überhaupt einzuschreiten fürchtete.

Der Sommer 1848 war in Hessen im übrigen eine fruchtbare Periode der Gesetzgebung. In kurzer Zeit wurde eine Reihe der wichtigsten Gesetze zu Stande gebracht z. B. das über die Presse, das Vereinswesen, die Oeffenthchkeit des Gerichtsverfahrens u. s. w. Am 6. August ward dem Reichsverweser Erzherzog Johann gehuldigt, der Kurfürst erschien mit der deutschen Kokarde am Hut und in bürgerlichem Frack bei der grossartigen Feier auf den Bowlinggreen, und man hegte die besten Hoffnungen bezüglich der Zukunft. Indessen die Leistungen des Parlaments blieben, in Folge des Gegensatzes der Parteien in seinem Schoosse, weit hinter der Erwartung zurück, die Reichsverfassung kam nicht zum Vollzug und die Laufbahn der Volksvertreter fand ihren unrühmlichen Abschluss in dem Stuttgarter Rumpf. Von den Hessen hatte nur der Marburger Bayrhoffer bis zuletzt ausgehalten, die übrigen waren der Abberufung seitens der Regierung schon früher gefolgt.

Mehr und mehr stellte sich heraus, dass eine Vermittelung zwischen Revolution und Autorität unmöglich war. Da das

 

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