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Der Redner behandelte mit Verwerthung einiges von Carl Justi, Alhard v. Brach, Otto Gerland, Carl Scherer und Anderen gesammelten Materials, hauptsächlich aber auf Grund eigener Quellenforschungen, namentlich im Marburger Staatsarchiv, ein Stück hessischer Kunstgeschichte, das uns hierdurch neu erstanden ist da, wo noch vor kurzem kaum ein paar leere Namen standen. Eine sehr hervorragende Rolle haben freilich die Künste im 16. Jahrhundert in Hessen überhaupt nicht gespielt, ganz abgesehen davon, dass hier so ungewöhnlich viele Kunstwerke später zu Grunde gegangen sind. Und so waren denn auch insbesondere die alten hessischen Hofmaler keine grossen künstlerischen Persönlichkeiten, wohl aber interessiren sie uns als typische Vertreter ihres Handwerks. Was der Redner geben wollte, war in erster Linie ein durch allerhand biographische Züge lebensvoll gestaltetes Kulturbild. — Im Anfang des 16. Jahrhunderts finden wir in Marburg die erste greifbare Persönlichkeit eines hessischen Malers mit beglaubigten erhaltenen Werken. Es ist Johann von der Leyten. Den hessischen Hofmalern kann man ihn insofern zuzählen, als er bei verschiedenen Gelegenheiten (z. B. 1509 beim Tode Landgraf Wilhelms II.) für den landgräflichen Hof gearbeitet hat. Daneben diente er mit seiner Kunst der Stadt Marburg und namentlich dem dortigen Deutschorden. Für diesen hat er die Werke geschaffen, die ihn uns als wirklichen Künstler bezeugen: Flügelgemälde an den Schnitzaltären der Elisabethkirche, eins von ihnen mit der Inschrift versehen: ‘Johann von der L.….’ — Mit der Reformation kam eine neue Zeit herauf, die keinen guten Boden abgab für die Welt des schönen Scheines. Wir müssen eine Kluft überspringen, um auf der anderen Seite einen ziemlich nüchternen Kunstbetrieb vorzufinden; lehrhaft und schwunglos führte die Kunst jetzt ein bescheidenes Dasein an den Fürstenhöfen. Charakteristisch für die Art und Weise, wie man damals die Kunst für staatliche Zwecke mitbenutzte, sind die Steinbildwerke und Gemälde, die Landgraf Philipp in den vier Landeshospitälern anbringen liess. Doch stellte dieser Fürst schon im Jahre 1536 zu Cassel einen wirklichen Hofmaler an in der Person des Michael Müller, den wir als Schüler von Lucas Cranach dem Aelteren zu Wittenberg nachweisen können. Er wurde für jährlich 16 Gulden, 6 Viertel Korn, l Schwein, 2 Hammel, ½ Fuder Bier, Hofkleidung und Hofkost bestellt, dem Landgrafen in allen Sachen seines Malerhandwerks zu dienen. Ueber seine Persönlichkeit trug der Redner manches zusammen, besonders aus den humorvollen Erzählungen im ‘Wendunmuth’ des Casseler Kriegsmannes und Poeten, Hans Wilh. Kirchhof, der mit Meister Michael verwandt war. Aus dem Jahre 1542 ist uns ein monumentales Werk bezeugt, das wir nicht gut Jemandem anders, als dem wohlbestellten hessischen Hofmaler, also unserem Michael Müller, zuschreiben können. Es sind figürliche Darstellungen, biblische Scenen, Bildnisse, mythologische Figuren, die als Wandgemälde ‘das landgräfliche Gemach’ im Schloss zu Ziegenhain geschmückt haben, im Original zwar vernichtet, aber durch einige etwa 60 Jahre jüngere kleine

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