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im Chattenlande nur besonders durch die örtlichen Verhältnisse geartet, habe den gemeinsamen Inhalt gehabt, dass die Götter nicht unsterblich, sondern durch das Schicksal (Fatum) und feindliche Gewalten beherrscht gewesen seien, bis der Weltbrand Alles vernichtet habe, aus dem sie aber geläutert wieder erstanden seien. Die religiösen Vorstellungen unserer Vorfahren zeichneten sich durch sittliche Reinheit und Tiefe aus, und seien nicht willkürliche Produkte einzelner hervorragender Geister, sondern des ganzen Volkes, entstammend der Zeit, wo man noch nicht abstract auffassen, wohl aber personificiren konnte. Geheiligt der Gottheit waren die Berge: so in Hessen der Weissner, der Odinberg, Heiligenberg und zahlreiche andere, auf welchen die Götter sich am liebsten niederliessen, wenn sie zur Erde hinabstiegen und Ort der Anbetung war der heilige, von selbstgewachsenen Bäumen umhegte Hain, der nur unter gewissen Bedingungen betreten werden durfte; ebenso war das Abhauen geheiligter Bäume verboten. Die Priester, welche keine besondere Kaste bildeten, besorgten Gebet und Opfer, hatten Eide abzunehmen, die Könige zu weihen und jeden Frevel gegen die heiligen Gesetze zu ahnden. In der Familie trat die Frau als Priesterin auf, sie besass auch die Gabe der Weissagung, der Dichtkunst und der Heilkunde. Das Opfer war entweder Dank- oder Sühne-Opfer. Zur Sühne wurden auch Menschen: gefangene Feinde, gekaufte Sklaven oder Verbrecher geopfert, gewöhnlich jedoch Thiere: Pferde, Rinder und Ziegen, mit dem Ausdruck „Geziefer“ bezeichnet (im Gegensatze zu Ungeziefer = unreine Thiere.)

Auch Brunnen und Quellen galten vielfach als heilig, da ihnen gute und wohlthätige Eigenschaften zugeschrieben wurden; doch wohnten in vielen auch unheimliche Geister, die auf der Oberwelt Kinder raubten.

Wenn auch das Ghristenthum die Götter vertrieben, hätten sich doch zahlreiche Anklänge an dieselben in Sitten und Gebräuchen erhalten. Aber durch das Ghristenthum seien wir das eigentliche Kulturvolk geworden, das die Zügel der Wissenschaft geführt habe und wohl auch, wenn es sich selbst getreu bleibe, stets führen werde.

 

7. Ausserordentliche Versammlung 19. Februar 1900, Abends 8 Uhr*), in der Aula der Oberrealschule, Kölnische Strasse 89.

Der Vorsitzende, Herr Bibliothekar Dr. Brunner, begrüsste die zahlreich Erschienenen und theilte mit, dass seit etwa Jahresfrist sich in Berlin eine Vereinigung von Männern gebildet und zur Aufgabe gemacht habe, die mittelalterlichen Burgen und Schlösser soweit möglich in ihrem baulichen Zustande zu erhalten und die stummen Zeugen einer längst vergangenen Zeit späteren

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*) Vgl. Casseler Tageblatt vom 22. März 1900, Nr. 80. Hessische Morgenzeitung vom 21. März 1900. Nr. 79.

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