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Norden Deutschlands protestantisch geworden war. Die Wallfahrt hob sich zwar wieder unter dem Einfluß der Jesuiten, aber zur alten Bedeutung konnte sie nicht wieder kommen.
Da erwuchs dem Hilfensberg noch einmal Unterstützung durch den katholischen Landgrafen Christian von Hessen-Rotenburg-Wanfried, der 1736 die sogenannte Fürstenkapelle baute, auf deren Grundmauern die heutige Bonifatiuskapelle steht. Der Landgraf, der, wie mehrere Mitglieder seiner Familie, auf dem Hilfensberge begraben liegt, wollte Franziskaner auf dem Berge ansiedeln, was durch die flehenden Bitten der Nonnen von Anrode, ihnen diese Einnahmequelle nicht zu entziehen, verhindert wurde. Aber das Patronat war bald keine Quelle des Einkommens, sondern der Sorge für das Kloster, da die Ausgaben für die Wallfahrt wuchsen, ohne daß die Einnahmen stiegen. 1810 wurde das Kloster Anrode durch König Jérôme von Westfalen aufgehoben. Die Gebäude samt dem Hilfensberg gingen in die Hände Josts von Wedemeyer über, der 1821 den Hilfensberg der Kirche zurückgab. Dank der Freigebigkeit reicher Wohltäter und der Unterstützung der kirchlichen Behörden hob sich nun die Wallfahrt wieder und Kirche, Kapelle und Kloster jetzt von Franziskanern bewohnt konnten durch Neubauten ersetzt werden.
Das wundertätige, aus dem 11. Jahrhundert stammende Kreuz stellt den Heiland als Erlöser dar, geschmückt nicht mit der Dornenkrone, sondern mit der Königskrone, die Füße sind nicht übereinander gelegt, sondern stehen neben einander, die ganze Figur war mit einem seidenen Gewände bekleidet. So kam es, daß man das Bild, nachdem es im 14. Jahrhundert üblich geworden war, den Heiland mit der Dornenkrone, Lendenschurz und über einander gelegten Füßen darzustellen völlig verkannte und lange Zeit für das Bild einer Märtyrerin, der bärtigen Jungfrau Wilgefortis, hielt. Als zur Zeit der Reformation die Mühlhäuser den Berg besetzten, hielten sie das Bild gar für einen bärtigen Götzen und entfernten das Kreuz. 1837 wurde dann der hl. Wilgefortis ein neues Kreuz errichtet, das im Jahre 1894 bei einem Brande zu Grunde ging. Erst 1902 erkannte man das alte Kreuz als einen zu den Kreuzen des sogenannten Luccatypus gehörigen Kruzifixes wieder und verhalf ihm zu seinem alten Rechte.
Der Vortrag wurde mit großem Interesse aufgenommen und fand lebhaften Beifall.
Nachdem man dann wieder nach Geismar hinabgestiegen und mit der Eisenbahn nach Schwebda gefahren war, begab man sich nach dem etwa eine halbe Stunde entfernten, neuerbauten Schlosse Wolfsbrunnen, dessen Besitzer, Herr Landrat von Keudell, den Verein abermals empfing, durch die prächtigen Räume des Schlosses führte und mit Kaffee und Kuchen bewirtete. Herr Landgerichtsrat a. D. Gleim aus Mar- [Marburg]

 

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