|
.. |
- 107 - Reichenbach. Diese war in Eisenach zurückgeblieben. Schon am anderen Tage begehrten die Bürger, daß die durch Hahn verfertigte Adresse durch den Bürgermeister dem Kurfürsten übergeben werden sollte. Der Bürgermeister, ein talentvoller, äußerst rechtschaffener, besonnener Mann, dessen Besonnenheit aber wohl in Furchtsamkeit1) ausarten konnte, wollte sich anfangs der Bürger nicht recht annehmen, auf vieles Zureden mehrerer Magistratsmitglieder aber beschloß er endlich, daß der Magistrat in corpore nach Wilhelmshöhe fahren und die Adresse übergeben sollte. Am 14. mittags wurde in 9 Wagen der Zug angetreten, die Aufnahme entsprach aber nicht der Erwartung. Nach der Anmeldung ließ man den Magistrat bis nach aufgehobener Tafel um 5 Uhr warten. Nun erschien der Kabinetsrat Rivalier2), stellte sich in die Haupttüre des Palais, spreizte sich wie ein wälscher Hahn, als befürchtete er, man würde mit Gewalt eindringen, — und es fehlte nicht viel, so wäre es auch geschehen, — und erklärte in des Kurfürsten Namen, daß derselbe wegen Unwohlsein heute keine Audienz erteilen könne ; am anderen Morgen möge sich der Magistrat im Palais in der Stadt einfinden. — Kurz nachher machten Se. Kgl. Hoheit einen Spaziergang in den Anlagen. An den Magistrat hatten sich drei Bürger, Herbold, Wenzel3) und Kersting4), angeschlossen. Diese waren über die versagte Audienz sehr aufgebracht und es bedurfte des größten Zuredens des Bürgermeisters, daß sie nicht mit Gewalt in das Palais drangen. Der Magistrat mußte also unverrichteter Sache wieder nach Hause fahren, mit welcher Empfindung, läßt sich leicht denken, da es doch ungewiß war, ob der Kurfürst auch Sklave seines Wortes sein würde. Und wirklich soll er auch willens gewesen sein, sein Wort zu brechen, ___________ 1) Dies Urteil trifft wohl nicht zu. Furchtsamkeit wird man dem Oberbürgermeister Schomburg nicht vorwerfen können. 2) Staatsminister Rivalier wurde 28. Juli 1825 als Freiherr Rivalier von Meysenbug geadelt. 3) Gastwirt Heinrich Wenzel, in der Holländischen Straße wohnhaft. 4) Gastwirt Georg Kersting, am Brink wohnhaft, bekannt durch seine Händel mit der westfälischen Regierung.
|
.. |