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Der Niedergang Hessens in den ersten
Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts und die
Erhebung Landgraf Wilhelms V. 1631.
Auszug aus dem 2. Vortrage des Herrn Obersten a. D. von Geyso
im Marburger Zweigverein.
In der Oktober-Versammlung hatte der Vortragende die wirtschaftlichen und innerpolitischen Verhältnisse Hessens und besonders eingehend die Persönlichkeit des Landgrafen Moritz (1592 —1627), seine von der normalen stark abweichende seelische Veranlagung und die Art und Weise seiner politischen Betätigung und Landesverwaltung geschildert1). Als der 57jährige Fürst im Frühjahr 1627 die Regierung nicht weiter führen wollte, war das hessische Staatswesen bankerott, der Auflösung nah, das fürstliche Hausvermögen bis auf wenige heruntergewirtschaftete Vorwerke und gewerbliche Anlagen aufgezehrt und eine für die damalige Zeit außerordentlich hohe Schuld von etwa 2 Millionen Gulden gemacht. Die Gebäude und Festungen waren verfallen, Zeughäuser und Magazine leer, die Gläubiger und Beamten seit Jahren nicht bezahlt, die Untertanen in allen Ständen verarmt. Seit 1623 hielt Tilly einige hessische Städte an der Werra besetzt und in seinem Gefolge hatte sich Darmstadt in Besitz von Oberhessen gesetzt, auf das die gewaltsame Einführung der sog. Verbesserungspunkte des Landgrafen Moritz (Äußerlichkeiten der calvinistischen Lehre) ihm einen Rechtsanspruch verschafft hatte. Und dieser Zusammenbruch eines vorher so wohlgeordneten Staatswesens war eingetreten, ohne daß der Landgraf anders als mit leidenschaftlichen Worten und Schriften in die Streitigkeiten seiner Zeit eingegriffen, ohne daß er sich anders als durch eine planlose und verderbliche Anwerbung von Söldnern im Jahre 1619 und heimliche Unterstützung des Mansfeld, Christian von Braunschweig und Christian von Dänemark an den den großen Krieg entfachenden Unternehmungen der Jahre 1621—1626 beteiligt hatte.
Selten wohl hat ein Fürst unter verzweifelteren Umständen eine Regierung angetreten, als der 25jährige Landgraf Wilhelm V. In dem Vergleich mit Darmstadt mußte er notgedrungen fast auf die Hälfte seines Landes verzichten, und seine, von dem ganzen Lande sehnlichst gewünschten Bemühungen, den Kaiser zu „versöhnen“ und die Last der Tillyschen Einlagerung zu mildern, hatten und konnten nur einen vorübergehenden Erfolg haben. Es fehlten ihm die Mittel für die notwendigsten Aufgaben der Landesverwaltung und für seinen eigenen Haushalt. In zunehmender
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1) Einen ausführlichen Bericht über seine Ausführungen, die von der Darstellung Rommels und der auf ihn fußenden populären hessischen Geschichtsschreibung stark abweichen, behält sich der Vortragende für die Veröffentlichungen des Vereins f. hess. Gesch. u. Ldskde. vor.
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