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Wilhelmshöhe der Diener des bayrischen Gesandten Grafen von Thüngen1), was denn eigentlich los sei, sein Herr ginge in der Stube auf und ab und griffe sich dabei in die Haare und sage immer laut: „Herr Gott! es ist ja alles faul, alles faul!“ ______ Eines Morgens 5 Uhr2) wurde ich auf Wilhelmshöhe, wo der Hof residierte, von einem Lakei geweckt, welcher mir den Befehl überbrachte, sofort zum Kurfürsten zu kommen. Wie ich mich beim Kurfürsten meldete, gab er mir folgenden Auftrag.
Ich sollte mir ein sicheres Pferd nehmen, nach der Knallhütte reiten und mich davon überzeugen, ob dortselbst schon preußische Truppen ständen, denn von Guntershausen3) sei ihm gemeldet, daß preußische Truppen im Anmarsch auf Kassel seien, mich aber nicht gefangen nehmen lassen.
Wenn ich mich überzeugt, daß dort wirklich schon preußische Truppen ständen, sollte ich sofort nach der hannoverschen Grenze nach Landwehrhagen4) weiter reiten, den König von Hannover aufsuchen, welcher in der Gegend die Nacht mit seinen Truppen stände und demselben von ihm die Mitteilung machen, er könne sein Versprechen nicht halten, weil seine Truppen schon nach Süddeutschland abmarschiert seien.
Nachdem ich mich also von Zwehren5) aus sicher davon überzeugt hatte, daß die preußischen Vorposten von der Knallhütte bis zum Baunsberg standen, also im Anrücken auf Kassel begriffen waren6), ritt ich, wie mir befohlen, sofort durch Kassel zur hannoverschen Grenze nach Landwehrhagen. Dort in der Nähe traf ich eine hannoversche Husarenpatrouille, welche mir mitteilte, daß der König mit seiner Armee die Nacht zwischen Münden und __________ 1) Kämmerer Wolfgang Freiherr von Thüngen. 2) Am 19. Juni 1866. 3) Die 6. Komp. Inf.-Regts. Nr. 7 unter Hauptmann Pascal hatte in der Nacht zum 18. Juni 1866 mit der Eisenbahn Gensungen erreicht, war unter Führung des preußischen Telegrapheninspektors in Kassel, Rittm. a. D. v. Legat nach Melsungen marschiert, von dort am 18. früh mit der Bahn nach Guntershausen gefahren und hatte auf dem dortigen Bahnhofe eine kleine Abteilung kurhessischer Pioniere unter Leutnant v. Kietzell gefangen genommen. Da sie in Guntershausen den Telegraphen zerstört hatte, kann die Meldung nur durch einen Boten nach Wilhelmshöhe gelangt sein, woraus sich die späte Anknnft erklärt. 4) Das erste Dorf jenseits der hannoverschen Grenze, fast halbwegs zwischen Kassel und Münden, l Meile nördlich von Kassel. 5) Nieder- und Oberzwehren, Dörfer 1/2 Meile, Knallhütte, Gehöft l Meile südlich Kassel an der Frankfurter Straße, der Anmarschlinie der preußischen Division Bayer. 6) Das 2. Batl. Inf.-Rgts. Nr. 19 und 2 Züge der 5. Esk. Hus.-Rgts. Nr. 9 hatten am Abend des 18. Juni Guntershausen und Kirchbauna (1/4 Meile südlich der Knallhütte) besetzt und sicherten gegen Kassel.
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