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auf Feldwache und hatte durch weitere Feldwachen, Posten und Patrouillen den ganzen Verkehr mit dem Schloßbezirk abgesperrt: es durfte sich niemand ohne besondere Erlaubnis dort aufhalten. Trotzdem gelang es mir, am 21. oder 22. Juni, einen Auftrag des Kurfürsten durch die Postenkette hindurch nach Kassel zu bringen.
Der Kurfürst sagte zu mir, er hätte einen persönlichen Brief an den General v. Beyer, Höchstkommandierenden in Kassel zu bestellen, welchen ich unbedingt hinbringen müsse. Der Inhalt verlange freien Abzug von Wilhelmshöhe; gleichzeitig müßte ich Lebensmittel für den Hof besorgen, die gänzlich erschöpft waren. Ich nahm den Brief mit dem Bemerken, ich würde es versuchen, ob ich durch die Postenkette kommen könne.
Zweimal war ich, als ich den Kommandanten der Feldwache sprechen wollte, vom Posten zurückgewiesen mit dem Bemerken, es fänden keine Verhandlungen statt.
Seitens des Wachtkommandos war nun der kleine, schmale Fußweg, der verdeckt durch Gebüsch hinter der Reitbahn zu Wilhelmshöhe den steilen Bergabhang nach den Wiesen und dem Wald hinunter führt, unbewacht gelassen. Auf diesem leitete ich mein Pferd hinab und kam von dort rasch und ungesehen über Rothenditmold nach Kassel. General v. Beyer, bei dem ich mich im „König von Preußen“ melden ließ, war sehr erstaunt über meine Ankunft und überzeugte sich erst davon, daß ich im persönlichen Auftrag des Kurfürsten kam, als ich ihm dessen Schreiben aushändigte. Nach einiger Zeit wurde ich wieder zum Empfange der Antwort befohlen, wodurch dem Kurfürsten der freie Abzug bewilligt wurde, und ritt dann, nachdem ich meinen Passierschein nach Wilhelmshöhe empfangen hatte, zurück. Unterwegs jedoch wurde ich von einer Husarenpatrouille eingeholt, festgenommen und mußte so wieder zum General v. Beyer zurück. Dieser teilte mir mit, daß sich infolge telegraphischer Nachricht die Sachlage geändert habe und er das Schreiben an den Kurfürsten zurück haben müsse. Weil ich bei meiner Weigerung, mein Schreiben herauszugeben, mit Verhaftung bedroht wurde, gab ich dasselbe zurück.
Von der Husarenpatrouille bis zur Feldwache unter Wilhelmshöhe begleitet, übergab ich dem Kommandanten, Hauptmann Spoenla, ein Schreiben vom General v. Beyer, wodurch er sehr unangenehm überrrascht wurde, weil der Posten unbedingt mein Anliegen hätte melden müssen. ______ Hauptmann v. Lettow als Kommandant von Wilhelmshöhe.Nach dem Abmarsch der Komp. Spoenla wurde zur ausschließlichen Bewachung des Schlosses und der Person des Kurfürsten die 7. Komp. des Inf.-Regts. Nr. 70 unter Hauptmann v. Lettow nach dort kommandiert.
Als sich der Kurfürst immer noch nicht entschloß, von Österreich zu Preußen überzutreten, wurde die Behandlung der Umgebung und sogar des Kurfürsten selbst eine immer strengere, ja sogar unanständige.
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