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wohnern gewählt, und zwar schon Ende
Januar 1946. Das Experiment gelang:
die Wahlbeteiligung war mit über 80%
erfreulich hoch und die gemäßigten Parteien
setzten sich durch. So konnten
Ende Mai Kreis- und Stadtverordnetenwahlen
folgen. Vor der Wahl eines
Landtags und einer Landesregierung
sollte Groß-Hessen jedoch zunächst eine
demokratische Verfassung erhalten. Zu
diesem Zweck wählten die hessischen
Bürger am 30. Juni 1946 eine Verfassungberatende
Landesversammlung.
Diese fungierte als Vorparlament, arbeitete
jedoch in den Monaten Juli bis Oktober
vor allem die Hessische Verfassung
aus, die am Ende von SPD, CDU
und KPD unterstützt wurde; lediglich die
Liberaldemokraten lehnten sie ab. Die
Hessische Verfassung zeichnet sich bis
heute aus durch ihre sozialstaatlichen
Festlegungen: Sie führte den 8-Stunden-
Tag sowie einen Mindesturlaub von 12
Tagen ein, sie bestimmte gleichen Lohn
für gleiche Arbeit (also auch von Frauen),
erkannte den Betriebsräten in sozialen
und wirtschaftlichen Fragen Mitbestimmung
zu, enthält das Streikrecht und
untersagt die Aussperrung, sie verbietet
Monopolbildung, macht die konfessionelle
Gemeinschaftsschule zur Regelschule
und bestimmt Schulgeldfreiheit
für alle Schüler und Studenten. Schwierig
war es, den Amerikanern, die sich die
Zustimmung vorbehielten, die Sofortsozialisierung
der Betriebe in den wirtschaftlichen
Schlüsselbereichen Bergbau,
Stahl- und Eisenerzeugung, Energiewirtschaft
und an Schienen gebundenes
Verkehrswesen abzuringen. Man
einigte sich darauf, dass am 1. Dezember
1946 die hessischen Bürger über die
Verfassung insgesamt abstimmten und
noch einmal gesondert über den Sozialisierungsartikel.
Beides wurde mit über
70%iger Mehrheit angenommen.
Darüber hinaus wählten die Hessen am
1. Dezember 1946 ihr erstes Landesparlament,
in das SPD, CDU, LDP und
KPD einzogen. In dem gemeinsamen
Willen, die Bestimmungen und Zielsetzungen
der Hessische Verfassung umzusetzen,
bildeten die beiden größten Parteien,
SPD und CDU, eine Regierungskoalition,
die Christian Stock als sozialdemokratischer
Ministerpräsident und
der Christdemokrat Werner Hilpert anführten.
War es auch noch ein langer Weg, bis
1949 die Bundesrepublik gegründet wurde
und Hessen – zumal in der Ära Zinn
zwischen 1951-1969 – seine soziale und
wirtschaftliche Vorreiterrolle entwickelte
und ausbaute, so ist dennoch zu beachten,
dass die entscheidenden Weichenstellungen
in den ersten Nachkriegsjahren
vorgenommen wurden.
Andreas Hedwig
Lit.: Für einen ersten Überblick: „Aufbruch
zur Demokratie“ – Alltag und politischer
Neubeginn in Hessen nach 1945, Ausstellungskatalog
hg. v. Hessischen Landtag und
v. Hessischen Hauptstaatsarchiv, Wiesbaden
1996; vertiefend: Walter Mühlhausen, Hessen
1945-1950. Zur politischen Geschichte
eine s Landes in der Besatzungszeit, Frankfurt
a.M. 1985. Zahlreiche Veranstaltungshinweise
und Links unter
www.60StolzeJahre.hessen.de.