gewählte Repräsentanten, konfrontiert mit der Endlosspule einer Bundestagssitzung in Berlin. Unübersehbar war die Figur des Schleifers' aus der Marsyas-Gruppe hellenistischer Zeit, der zum Hinweis diente auf die Schattenseite des Reformstaats, die finanzielle Lasten der Bevölkerung und die dauerhaften militärischen Anstrengungen im napoleonischen System. Breiten Raum nahmen die Behandlung der Reformbemühungen im Wirtschafts- und Agrarwesen ein. Hier wurden die Grenzen und die Unvollkommenheiten der Reformansätze deutlich, die - von Napoleon selbst verschuldet - die Entwicklungsaussichten des Reformstaates stark einengten. Der Abschnitt Militär und Krieg' beendete sinnfällig die Präsentation, bildete doch die militärische Niederlage in Rußland und die fortgesetzte Kriegsführung über 1813 den Anstoß zum Zusammenbruch.
Läßt man eine bisweilen hörbare stereotype Kritik beiseite, die eine bloße Opferrolle der (hessischen) Bevölkerung erkennen möchte und sich an den anscheinend hohen finanziellen Lasten und den moralisch konnotierten Vorwürfen gegen eine höfische Spaßgesellschaft um König Jéröme aufrichtet, wird deutlich, wo sich noch weitere spezielle Untersuchungen für den hessischen Raum anstellen lassen: in welchem Maße konnte die ländliche Bevölkerung die Agrargesetzgebung nutzen? Wie hoch waren die steuerlichen und Abgabenlasten für die Bevölkerung tatsächlich? Welche Reichweite hatte die Umgestaltung der kommunalen Verwaltung oder war das Mairiesystem nur Fassade, hinter der eingespielte Formen in den kurzen westphälischen Jahren weiterwirkten? Wie stand es um die anfängliche Akzeptanz der neuen Herrschaft, traf die Formel Modernisierung durch Fremdherrschaft auf Zuspruch?
Welches Gewicht und welche Breitenwirkung hatten die Aufstände der Jahre 1807/08 und 1809 für Hessen und gab es spezifische regional-historische Ursachen für deren Ausbruch, während es in anderen Teilen des Reiches ruhig blieb? Wie ist die Haltung der sozialen Gruppen (Adel, Bürgertum, Juden, Landbevölkerung) hinsichtlich des Königreiches zu bewerten? Gab es im Zusammenbruch Ende 1813 ähnliche Widerstände und Aufruhr, wie sie für Braunschweiger Territorien festgestellt wurden, und lassen sie ähnliche Rückschlüsse auf den Verlust von Glaubwürdigkeit des Reformmodells zu?
Die Ausstellung setzte einen Kontrapunkt gegenüber einer lange als Unterdrückung und Fremdherrschaft verstandenen Zeit. Sie bewirkt damit, daß ältere und noch immer fortwirkende Anschauungen kritisch hinterfragt werden, auch wenn Begriffe wie Parlament und Modellstaat sowie die Reformerfolge des Königreiches in der Ausstellung stark betont werden. Die kunsthistorische Bedeutung der Kasseler Sammlungen aus landesherrlicher Tradition wurde jedoch durch den Ausstellungsteil einmal mehr herausgestrichen. Hessen steht dank der Kasseler Ausstellung künftig mit im Zentrum, wenn es um die Darstellung der Modernisierungsanstrengungen in Deutschland im frühen 19. Jahrhundert geht. Das durch den Erfolg der Ausstellung sicherlich gewonnene neue Interesse an dieser Epoche läßt hoffen, daß grundsätzlich die Beschäftigung mit Geschichte, zumal der hessischen Landesgeschichte, neuen Schwung gewinnt.
Jörg Westerburg, Kassel
Die Digitalisierung der historischen Fotosammlung der Universitätsbibliothek Kassel
Im Bestand der Universitätsbibliothek Kassel befinden sich noch einige Schätze, denen wir mehr Aufmerksamkeit wünschen, darunter die historische Fotosammlung. Sie befindet sich im Gebäude der Landesbibliothek und Murhardschen Bibliothek der Stadt Kassel und kann mit
Recht als kleiner Schatz bezeichnet werden, denn sie umfasst über 2000 Fotografien, die Ende 19. bis Anfang 20. Jahrhundert entstanden sind und die das alte Kassel in seinem ursprünglichen Zustand, seine Bewohner, Gäste und kulturellen Höhepunkte zeigen.