1784, die an Georg Ernst von Gilsa, den Autor des Tagebuchs, gerichtet sind. Die Mehrzahl der aufgefundenen Briefe stammt von unterschiedlichen Schauplätzen des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges (1776-1783). Hier kämpften bekanntlich etwa 20.000 Soldaten aus Hessen-Kassel als Subsidientruppen für Großbritannien gegen die aufständischen nordamerikanischen Kolonien.
Portrait des Georg Ernst von Gilsa
Schnell wurde deutlich, dass es sich um keinen alltäglichen Fund handelt. Die bisherige Quellenbasis zum hessischen Anteil am Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg bildet in erster Linie das vergleichsweise umfangreiche Aktenmaterial, offiziöse Korrespondenzen sowie die in ansehnlicher Anzahl überlieferten Regimentsjoumale und Tagebücher von Offizieren in den Beständen des Staatsarchivs Marburg, der Murhard'schen Bibliothek in Kassel und einigen amerikanischen Sammlungen. Insgesamt sind nur wenige Privatbriefe überliefert, so dass vertrauliche Einblicke in den Kriegsalltag und die leidvollen Kriegserlebnisse sowie freimütige Beurteilungen des Gegners und des fremden Politik- und Gesellschaftssystems bislang sehr rar blieben. Die neu entdeckten Briefe an Georg Ernst von Gilsa werden nun erlauben, individuelle und persönliche Wahrnehmungen des
Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges und der amerikanischen Gesellschaft zu erschließen und nicht zuletzt helfen, unser Bild von den Militärs selbst zu präzisieren. Die vorliegende Korrespondenz ist hierzu insbesondere geeignet, weil es sich ausdrücklich um Briefe von Freund zu Freund handelt. Die lange Laufzeit des Briefwechsels über die gesamte Kriegsdauer lässt zudem feine Nuancen und Veränderungen spürbar werden.
Neben den Briefen aus Amerika befanden sich in der Mappe auch einige Briefe von Freunden in Hessen, die zusammen mit dem Tagebuch des Adressaten die Chance bieten, die Rezeption des Krieges und des Amerikabildes in Deutschland gleichsam aus erster Hand zu erfassen. Durch eine wissenschaftliche Edition soll dieser Quellenfund nun der Forschung zugänglich gemacht und für die Zukunft gesichert werden. Eine solche Veröffentlichung ist für verschiedene Bereiche der Frühneuzeitforschung von großem Nutzen. Sie kann nicht nur neue Erkenntnisse über die Beteiligung hessischer Truppen am Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg hervorbringen, sondern ist etwa auch für die seit einigen Jahren anhaltende wissenschaftliche Beschäftigung mit Selbstzeugnissen relevant. Außerdem berührt der Fund das Diskussionsfeld um die „neue Militärgeschichte", die sich mit dem Militär als Sozialsystem und mit dessen Wechselbeziehungen mit Staat, Wirtschaft und Gesellschaft auseinander setzt.
Seit dem 1. April 2008 wird das Projekt nun von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. Unter der wissenschaftlichen Leitung von Dr. Holger Th. Gräf (Hessisches Landesamt für geschichtliche Landeskunde) und Prof. Dr. Christoph Kampmann (Universität Marburg) bereiten Frau Lena Haunert M.A. und Patrick Sturm M.A. derzeit die Edition der Briefe und des Tagebuchs vor, die im Frühjahr 2010 gedruckt vorliegen soll. Eine englische Übersetzung, an der von amerikanischer Seite bereits lebhaftes Interesse angemeldet wurde, ist ebenfalls vorgesehen.
Holger Th. Gräf, Marburg Lena Haunert M. A.