Adel in Hessen (Tagungsbericht)
Nachdem der Adel in letzter Zeit auch in der Geschichtsschreibung zum 19. und 20. Jahrhundert zunehmend Beachtung als eigenständiger Forschungsgegenstand gefunden hat und damit Licht in das Dunkel einer einst von Hans-Ulrich Wehler beklagten „,terra incognita' der modernen Adelsgeschichte" gebracht wurde, bemühten sich jüngst einzelne Forschungsprojekte, den Adel in einer Langzeitperspektive zu betrachten. Zu diesen Vorhaben zählt auch die Tagung Adel in Hessen (15. bis 20. Jahrhundert)', die vom 28. Februar bis 1. März 2008 mit einem ersten Teil von Heide Wunder (Kassel), Eckart Conze (Marburg bzw. Cambridge) und Alexander Jendorff (Gießen) in Kooperation mit dem Hessischen Staatsarchiv Marburg und dem Hessischen Landesamt für geschichtliche Landeskunde im Staatsarchiv Marburg veranstaltet wurde. Diese Veranstaltung, deren erster Teil unter dem Titel, Adel, Herrschaft und politischer Wandel' stand, wird vom 20. bis 22. November 2008 mit dem Thema, Grundlagen und Ausdrucksformen adeliger Lebensstile' im Stift Kaufungen bei Kassel fortgesetzt.
Das Ziel der Tagung war es, den Adel unabhängig von etablierten Epochengrenzen in einem konkreten historischen Raum als Phänomen der longue durée zu untersuchen. Da es sich aus historischer Perspektive bei Hessen nicht um einen homogenen Raum handelt, wurde konsequenterweise stets vom Adel in Hessen anstatt vom hessischen Adel gesprochen. Im Mittelpunkt der Tagung standen die Fragen nach Niedergang und Obenbleiben des Adels, nach adligen Reaktionen auf gesellschaftlichen Wandel und daraus entstehenden Herausforderungen sowie nach Kohärenz und Differenz der betrachteten hessischen Adelslandschaften. Zeitlich erstreckten sich die Beiträge von der Mitte des 15. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Erfreulicherweise setzte sich damit einmal mehr die Überzeugung durch, dass Adelsgeschichte nicht nur über die Epochengrenze von 1789, sondern auch über 1918 und 1945 hinaus sinnvoll betrieben werden kann. Thematisch deckten die Vorträge
eine immense Bandbreite ab, in der immer wieder Aspekte wie Dienst und Amt, Formen adliger Herrschaft und Macht, ökonomische Grundlagen adliger Handlungsspielräume sowie die soziale und kulturelle Identität des Adels angesprochen wurden.
Aus der ersten Sektion Adel in Umbruchszeiten', ging hervor, dass der Adel in Hessen weder beim Übergang vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit noch im Verlauf des 18., 19. und frühen 20. Jahrhunderts seine Stellung als (relativ) bedeutender gesellschaftlicher Faktor vollständig verloren hatte. Auch wenn er freilich über die Jahrhunderte fortschreitende Einbußen an politischem, sozialem und kulturellem Einfluss hinnehmen musste, gelangen es ihm trotzdem immer wieder, sich auch in Umbruchszeiten flexibel an gewandelte Umstände anzupassen - bspw. angesichts des Ausbaus der frühneuzeitlichen Landesherrschaft (Christine Reinle), beim Wandel von Landes- zu Standesherrschaften nach 1806 (Frank Jung) oder der erfolgreichen Positionierung des Adels in den hessischen Landtagen des 19. Jahrhunderts (Ewald Grothe). Wenn einerseits also bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts von einer relativen Behauptung des Adels in der Defensive gesprochen werden kann, stellt sich andererseits die Frage, ob Begriffe wie ,Niedergang', ,Obenbleiben' oder Beharrung' für die weitere Geschichte des 20. Jahrhunderts noch sinnvoll verwendet werden können (Marcus Funck).
Die zweite Tagungssektion beschäftigte sich mit adligen Selbstorganisationen. Sie untersuchte Handlungsmöglichkeiten, die für den Adel in Hessen aus korporativen Zusammenschlüsse entstanden, und stellte am Beispiel der Grafenvereinen in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts (Gabriele Haug-Moritz), dem Zusammenschluss der Ritter unter dem Neologismus der Patrioten gegen die Landgrafen von Hessen-Kassel am Ende des 16. und in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts (Robert v. Friedeburg) sowie der hessischen Deutschordensballei (Katharina Schaal) eindringlich dar, wie solche Institutionen die politische Macht und soziale Stellung des Adels sicherten.
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