Die letzte Sektion ergänzte das Tagungsprogramm um Aspekte des adligen Selbst- und Herrschaftsverständnisses. In den Vorträgen wurde deutlich, wie sich der Adel in Hessen Geschichte (Steffen Krieb), Recht (Armand Maruhn) und Religion (Jutta Taege-Bizer) nutzbar machte, um seine vermeintliche Exklusivität zu legitimieren und zu stabilisieren. Weiterhin wurde die große Bedeutung des sozialen Kapitals für die politische und soziale Stellung des Adels in Hessen klar - ausgeführt am Beispiel der preußischen Annexion des Kurfürstentums von 1866 (Gisela Ziedek) - und ebenso, wie sich das Verhältnis zwischen neuem und altem Adel seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts, besonders aber auch im 19. Jahrhundert, von weitgehender Akzeptanz zu Abgrenzung wandelte (Dieter Wunder, Christoph Franke).
Insgesamt konnte diese Tagung einmal mehr zeigen, dass der Adel nicht eindimensional als Verlierer der sich zunehmend beschleunigenden Modernisierungsprozesse seit der beginnenden Neuzeit angesehen werden kann. Zwar wird auch weiterhin an der Auffassung festzuhalten sein, dass der Adel in einer Langzeitperspektive - und gerade mit Blick auf das 19. und 20. Jahrhundert - seine bisherige gesellschaftliche Stellung, insbesondere seine politische Macht, verlor, sich andererseits aber dennoch in zahlreichen gesellschaftlichen Bereichen an gewandelte Umstände anpassen und zugleich manchen Aspekt seiner herkömmlichen Lebensformen in adaptierter Weise bewahren konnte. Michael Seelig
Wigand Gerstenberg von Frankenberg (1457-1522) Die Bilder aus seinen Chroniken. Thüringen und Hessen, Stadt Frankenberg Ausstellung mit Federzeichnungen aus dem Spätmittelalter im Marburger Universitätsmuseum im Landgrafenschloß und Begleitband mit Faksimile-Publikation der Illustrationen
Die Länder Thüringen und Hessen besitzen nur wenige erzählende Berichte aus dem Mittelalter. Zu den seltenen Zeugnissen gehören die „Landeschronik von Thüringen und Hessen" sowie die „Stadtchronik von Frankenberg an der Eder". Ihr Autor ist der am 1. Mai 1457 geborene Geistliche Wigand Gerstenberg. Ende des 15. Jahrhunderts hat er die beiden Werke selbst verfasst und eigenhändig niedergeschrieben. Sie gehören heute zu den kostbarsten Schätzen der Universitätsbibliothek Kassel und werden in der Handschriftenabteilung der Landesbibliothek und Murhardschen Bibliothek der Stadt Kassel sorgsam verwahrt. Die einzigartigen Dokumente enthalten nicht nur die Geschichtserzählungen des Autors mit seinen in Archiven und Bibliotheken selbst recherchierten Angaben und Auszügen aus zum Teil inzwischen verschollenen Chroniken und Quellen, sondern sie sind zudem mit reizvollen Bildern reich illustriert. Während die Texte bereits seit 1909 vorliegen und von dem Marburger Geschichtsprofessor Hermann Diemar in den „Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen, Bd. 7,1" herausgegeben worden sind, blieben die Zeichnungen bislang weitgehend unbeachtet.
Als Kopfschutz der Ritter dienen sog. Deutsche Schaller, von denen einige Exemplare im Marburger Universitätsmuseum vorhanden sind, Landeschronik L Abb. 32, fol. 64v
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