konnte auch Rechtsort sein, d. h. der Geistliche war auch Notar. Die Kapläne wurden im Rahmen der Organisation und Verwaltung der Herrschaft als Urkundenschreiber und Notare eingesetzt. Ein neuer Burgkaplan wurde mit der Formel verpflichtet, in der Burg „zu besingen und zu belesen".
Eine Sonderform der Burgkapelle, besonders bei staufischen Burgen, ist die sog. Doppelkapelle. Hier waren in einem zweigeschossigen Bau zwei Kapellen übereinander angelegt, die eine zentrale Schachtöffnung miteinander verband. Jedes Geschoß hatte seinen eigenen Zugang und einen Altar. Der obere Bereich bei Doppelkapellen war die capella privata, der Herrschaft und dem Adel vorbehalten, zumal er sich zumeist in unmittelbarer Nähe zu den Wohnbereichen befand. Im unteren Geschoß, in der capella publica, nahmen die Ritter, Gefolgsleute und das Gesinde am Gottesdienst teil. Die Doppelkapelle auf der Neuenburg in Freyburg/Unstruth ist in dieser Kategorie ein besonders wertvoller, bemerkenswerter Bau mit prachtvoller Bauzier, eine der schönsten dieser Art und überhaupt zugleich in ihrer Ausstattung eines
der edelsten und geschmackvollsten Beispiele der Romanik. Seltener finden sich Burgkapellen in den Torbau integriert, vielleicht mit dem Gedanken, dem Bösen den Zutritt zu hindern. Und hier holte man sich den Reisesegen. Diese Anordnung besitzt mehrere Vorteile: der Schutz durch die Heiligen wurde damit auf einen besonders gefährdeten Punkt der Burganlage bezogen, und Angreifer mußten als besonders gottlos gelten, die gerade hier ihren Angriff ansetzten. Die Verbindung von Burgtor und Kapelle gab der Burg einen zusätzlichen Schutz durch den Heiligen, dem die Kapelle geweiht war.
Auf der Hohenburg am Schloßberg in Homberg/Efze lag die Burgkapelle direkt über dem Tor der Kernburg, hatte unmittelbaren Zugang zu den Privatgemächern des Palas bzw. des späteren Schloßgebäudes. Der Vortrag behandelte im letzten Teil gezielt die Burgkapelle der Hohenburg mit Ansichten und Grundrissen und weiteren Details der historischen Überlieferung, wie die ehemalige Burgglocke und dem Grabungsbefund.
Luise Holfeld, Homberg
Im Archiv ausgegraben: das vergessene Bauaufmaß des ältesten Schafstalls in Europa
Marburg ist nicht nur in der Hausforschung wegen seiner ungewöhnlichen Häufung von spätmittelalterlichen Fachwerkhäusern bekannt. Der berühmteste Bau ist das vor über einem Jahrhundert abgebrochene so genannte „Schäfersche Haus", das der Marburger Universitätsbaumeister Carl Schäfer und der Pionier der hessischen Denkmalpflege und Fotografie, Ludwig Bickell, dokumentierten. Es ging erst über dreißig Jahre nach seinem Abriss durch die Publikation dieser Aufnahme 1903 als „Leitfossil" der Zeit um 1320 in die europäische Hausforschung ein. Eigentlich auf der Suche nach einer verschollenen Grabungsdokumentation für die Elisabeth-Ausstellung 2007 wurde im Hessischen Staatsarchiv Marburg ein weiteres Bauaufmaß eines vor langer Zeit in Marburg abgebrochenen Gebäudes entdeckt, das in seiner Bedeutung dem „Schäferscheu Haus" nicht nachsteht: Im Nachlass Ludwig Bickells fanden sich acht großformati
ge Blaupausen der Aufnahme des alten Schafstalls der Marburger Deutschordensniederlassung (Inv. 340 Bickell, Karten P II, Nr. 53,1-8). Ein freundlicher Hinweis des Marburger Hausforschers Ulrich Klein M.A. führte sogar zur Entdeckung der Originalpläne in der Registratur der Außenstelle des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen. Die nun insgesamt elf Pläne im Maßstab 1:50 und 1:10 zeigen Grundriss, Ansichten, Quer- und Längsschnitt, zwei isometrische Perspektiven sowie zahlreiche Verzimmerungsdetails dieses bislang völlig unbeachteten Gebäudes, dessen letzte Ansicht (Abb. 1: Foto Reinhard Brauns 1898) allenfalls auf eine Entstehung in der frühen Neuzeit schließen ließen. Eine Verso-Beschriftung des vierten Plans identifizierte die Bauaufnahme als Werk des Marburger Architekten August Dauber (1869-1957).
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