Das letzte Foto des Schafstalls (Foto: R. Brauns aus Müller 1982). Der in Marburg geborene Schüler Carl Schäfers ließ sich 1897 als Partner von Otto Eichelberg in Marburg nieder. Sie avancierten zum führenden Planungsbüro des historistischen Ausbaus der aufblühenden Universitätsstadt. Das Planwerk entstand offensichtlich als Studie zu historischen Baukonstruktionen, es handelt sich dennoch um ein echtes Aufmaß, wie die eingetragenen Bemaßungen der Balken und die dokumentierten Spuren einer älteren Bauphase beweisen.
Die Pläne zeigen ein Gebäude über trapezförmigem Grundriss von etwa 260 qm Grundfläche. Das zweischiffige Kerngefüge ist über Steinpunktfundamentierungen als Ständergeschossbau mit Querbalkenlage über Längsunterzügen aufgeführt. An der Nordseite befindet sich ein angeschlepptes, aber doch ursprüngliches schmäleres Seitenschiff. Die durchgehend verwendeten Verblattungen der Kopfstreben und die über Geschoss hohen Schwertungen auf den Längswänden und im Dachstuhl des Kerngerüsts sprechen klar für eine mittelalterliche Entstehung. In der Mittelachse des Kerngefüges erhebt sich ein bis zum First durchgehendes, aber mehrgeschossiges Innengerüst, damit gehört das Gefüge zur Gruppe der nordhessischen Wandständerbauten mit Innengerüst. Die auffallend flach angesetzten Kopfstreben, die Querbalkenlage, die vorgeblatteten Brustriegel und Schwertungen in der Fassade erlauben eine Datierung an das Ende des 14. bis allenfalls an den Anfang des 15. Jahrhunderts. Die Gründung über einzelnen Steinsockeln spricht für eine ursprüngliche Nutzung als Stallgebäude - die Ständer sollten auf diese Weise vor der Bodenfeuchtigkeit des Stalldungs geschützt werden. Hierzu passt auch die dokumentierte sorgfältige Dämmung der Erdgeschossdecke mit einer eingeschobenen
Lage von Scheithölzem, die den im Herbst geschorenen Schafen einen warmen Winterstandplatz sicherte.
Plan 10 der Originaldokumentation, isometrische Ansicht. Die erhebliche Größe des Gebäudes gestattete die Aufstallung wohl der kompletten Schafsherde des Marburger Deutschhauses, die seit dem 14. Jahrhundert zusammen mit dem Weinbau das Rückgrat seiner Eigenwirtschaft bildete. Die schriftliche Überlieferung zur Wirtschaftsgeschichte des Deutschen Ordens belegt die Existenz eines „Schafhauses" als Teil des Bauhofes im Osten der Niederlassung explizit 1475.
Plan 8 der Originaldokumentation, Gefügeknoten. Die Aufstallung diente nicht nur dem winterlichen Witterungsschutz, sondern vereinfachte durch den allabendlichen Eintrieb auch die Gewinnung des Schafsmistes als dringend benötigter Dünger der Felder des Ordens. Es gibt insgesamt nur wenige aufgehend bekannte landwirtschaftliche Nebengebäude des späten