Mittelalters. Der Marburger Schafstall ist zwar sowohl von seinen enormen Dimensionen als auch von seiner Entstehung als Gebäude klösterlicher Eigenwirtschaft mit den älteren zisterziensischen Scheunen von ter Doest bei Brügge (um 1250) und Coggeshall bei Colchester (errichtet wohl 1237-1270) zu vergleichen. Dennoch handelt es sich bei ihm - wenn archäologische Grabungsbefunde ausgeklammert
werden, deren aufgehendes Gefüge ja weitgehend unbekannt bleibt - tatsächlich um den ältesten bekannten Stall Europas. Damit gewinnt die europäische Hausforschung zur Leitform des Marburger „Schäferschen Hauses" nun das Gefüge des „Dauberschen Stalles".
Rainer Atzbach, Marburg
Die Marburger Schloss-Orgel.
Ein Meisterwerk hessischer Orgelbaukunst des 17. Jahrhunderts
Als einziges Instrument aus der Zeit, während der Heinrich Schütz in Marburg studierte bzw. als 2. Hoforganist am Hessen-Kasseler Hof tätig war, ist die Marburger Schlossorgel weitgehend original erhalten. In der orgelwissenschaftlichen Literatur wird sie nicht ganz korrekt als „Althefer-Positiv" bezeichnet, weil in ihrer Schauseite (Prospektbekrönung) als Erbauer („Wigant Althefer nie fecit") der 1636 Hospital in Wetter verstorbene „lahme Organist" Wiegand Althefer genannt wird. Tatsächlich handelt es sich aber um eine weitgehend original erhaltene echte Orgel mit sechs Registern, die um 1600 von einem herausragenden Orgelbauer gemeinsam mit einem sehr begabten Kunsttischler erbaut wurde. Instrumente dieser Qualität konnten sich nur Adelige leisten, die sie zur weltlichen Kammermusik ebenso wie bei Andachten und zur Tafelmusik nutzten.
In das Marburger Museum ist die Orgel auf sehr verschlungenen und noch nicht voll geklärten Wegen gelangt. Sicher ist, dass sie 1620 vom Wetteraner Schreinermeister Ludwig Althefer und dessen bereits genannten Bruder Wiegand auf dem „Jungfernchor" der Stiftskirche in Wetter aufgestellt wurde, nachdem sie von beiden (wieder-)hergestellt wurde. Denn sie war zu diesem Zeitpunkt bereits 20-25 Jahre alt. Mit großer Wahrscheinlichkeit stammt sie von dem Laubacher Organisten Caspar Schütz bzw. dessen Licher Schüler und Mitarbeiter Georg Wagner (um 1570-1635), der auch die eindrucksvollen Werke in der Marienstiftskirche Lich, der Markuskirche Butzbach und ein verloren gegangenes Werk in der Luth. Pfarrkirche Marburg (1626) erbaut hat und der
Die Marburger Schloss-Orgel mit geöffneten Flügeltüren. Aufnahme von Ludwig Bickell um 1900.
der führende Orgelbauer in Hessen zu Beginn des 17. Jahrhunderts war. Vermutlich über die in Amönau bei Wetter ansässige Adelsfamilie des Johann von Bodenhausen und seiner Ehefrau Hedwig, einer geb. Rau von Holzhausen, ist das Instrument an den Wetteraner Schreinermeister Ludwig Althefer gelangt. Nach dem frühen Tode des in Marburg als Regierungspräsident tätigen Johann von Bodenhausen (1612) und seines Schwiegervaters, Rudolf Wilhelm Rau von Holzhausen (dessen hochmusikalische Familie in der Wetterau begütert war) geriet die Witwe Hedwig von Bodenhausen nach dem