ging ihm so wie dem Verfassungswerk: Man schränkte und zwängte ein, schnitt da und dort ein Stück weg, und am Ende blieb von der Fassade bloß eine, die 7 Fenster breit ist, übrig, weil die Mittel zu einem größeren Bau nicht reichten“, wie das in Hildburghausen verlegte Meyer’s Universum oder Abbildungen und Beschreibungen des Sehenswürdigsten u. Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde es 1842 formulierte.
Trotz dieser Reduzierung kommt dem von Oberhofbaumeister Julius Eugen Ruhl entworfenen Bau als einem der ersten im deutschsprachigen Raum, bei dem Stilformen der italienischen Hochrenaissance verwendet wurden, heute ein ganz besonderer kunsthistorischer Stellenwert als frühes Beispiel des Übergangs zum Historismus zu. Dies, wie auch die geschichtliche Bedeutung für die Entwicklung der Demokratie, machen das Kasseler Ständehaus zu einem Baudenkmal von nationaler Bedeutung, das nicht zufällig durch Präsentation eines Modells in der „Historischen Ausstellung des Deutschen Bundestages im Deutschen Dom“ in Berlin als herausragendes Beispiel der frühen Parlamentsarchitektur in Deutschland gewürdigt wird.
Der Respekt vor dem hohen kunsthistorischen Wert bewahrte das Gebäude vor gut 100 Jahren davor, durch seitliche Anbauten entstellt zu werden. Bei der Vorbereitung der erforderlichen Erweiterung für die Zwecke des seit 1868 hier untergebrachten preußischen Bezirkskommunalverbands entschied man sich nach dringender Empfehlung des als Gutachter hinzugezogenen höchst prominenten Architekten und Professors an der TH München, Friedrich von Thiersch, für einen rückwärtigen Neubautrakt. Wie sich jüngst überraschend gezeigt hat, war Thiersch auch direkt am Umbau beteiligt; die ehemalige Wandelhalle und der zweite Lichthof sind noch erhalten.
Der große Baukomplex am Ständeplatz wurde im Zweiten Weltkrieg in den oberen Geschossen beschädigt, konnte aber durch schnelle Aufbringung von Notdächern weitgehend gesichert werden. Das Vorhandensein von genügend Büroräumen war schließlich 1953 nicht unerheblich für die Entscheidung, den Hauptsitz des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen nach Kassel zu vergeben.
Bereits zuvor war das Innere des Ruhlschen Altbaues durch Arnold und Paul Bode neu gestaltet worden, wobei eine zeittypische gemäßigte Moderne gegen die traditionell geprägten Vorstellungen der Denkmalpflege durchgesetzt wurde. Der Sitzungssaal mit seiner „schwerelos“ wirkenden Glasdecke, das Foyer und die weiteren Nebenräume wiesen bis zum Umbau 2009/11 kaum verändert die Formensprache Arnold Bodes auf. Bei der durch nutzungs- und sicherheitstechnische Defizite sowie erweiterte Verwendungsabsichten veranlassten Sanierung erfolgte die Wiederherstellung des ursprünglichen Erscheinungsbildes des Saales und des kleinen Lichthofes davor. Die anderen Räumlichkeiten im Erd- und Obergeschoss wurden hingegen, auch zur Schaffung barrierefreien Zuganges, durch Eingriffe in den historischen Baubestand teilweise stark verändert und neu gestaltet.
Gerd Fenner, Kassel

 

Literaturhinweis
Gerd Fenner / Christina Vanja (Hrsg.): Architektur für Demokratie und Selbstverwaltung. 175 Jahre Kasseler Ständehaus, Kassel 2011 (Historische Schriftenreihe des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen, Quellen und ­Studien, Bd. 15), 170 S., 143 Abb., ISBN 978-3-933617-44-6, 14,90 Euro

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