725 Jahre Frankenberger Liebfrauenkirche

 

Danach kam Landgraf Heinrich nach Frankenberg. Und als er sah, dass Gott der Allmächtige so große Wunder tat durch die Fürbitte seiner werten Mutter Sankt Marien und so viele Zeichen geschahen, da half und riet er dazu, dass die schöne Pfarrkirche abgebrochen und das neue Münster aus dem Grunde aufgeführt wurde“, schreibt Chronist Wigand Gerstenberg. Der fromme Landgraf „legte den ersten Stein mit seiner Hand … Das geschah nach Gottes Geburt da man schrieb 1286 Jahre.“
Mehrere Generationen von Frankenberger Bürgern bauten in den folgenden Jahrzehnten an dieser gotischen Hallenkirche, und bis heute sorgen sie für die Erhaltung des mittelalterlichen Denkmals. Die denkwürdige Grundsteinlegung, bei der der Landgraf „unserer lieben Frau ein schönes Opfer auf den Stein legte“, war in späteren Jahrhunderten immer wieder der Anlass für große Gedenkfeiern, so auch für eine ganze Festwoche vom 1. bis 5. Juni 2011.
Der Zweigverein Frankenberg lud im Vorfeld zu einem Rundgang durch das gotische Gotteshaus mit Pfarrer a. D. Heiner Wittekindt ein. Er hat die Geschichte des Bauwerks seit Jahren erforscht, kennt jedes Detail und entschlüsselte das theologische Konzept der Künstler und Steinmetze, die hier ihrem Glauben Ausdruck verliehen. „Die Liebfrauenkirche sehen lernen“ war das Motto, unter dem Wittekindt Mitgliedern und Gästen des Geschichtsvereins Blicke zu Details im Deckengewölbe, an Konsolen, Kunstwerken und zu von ihnen so noch nie zuvor wahrgenommenen Architekturmerkmalen öffnete.
Dabei wurde auch als besonderer Glücksfall hervorgehoben, dass in der letzten Bauphase des Chors, der erst 1353 geweiht wurde, ein örtlicher Baumeister und Künstler mit auf den Plan trat: Tyle von Frankenberg (um 1330 –1400). Sein handwerkliches Können war auch bei den Kirchbauten von Haina, Marburg und Wetzlar gefragt. Am Wetzlarer Dom gibt es sogar ein kleines Steinportrait von ihm.
Zu einer besonderen Attraktion in der Marienverehrung bis zur Reformation wurde die vom Rat der Stadt Frankenberg gestiftete zusätzliche Kapelle am südlichen Querschiff, ein Spätwerk des Steinmetzen Tyle und seiner Werkstatt. Diese Marienkapelle wuchs als Achteck turmartig neben dem Gotteshaus empor, ungewöhnlich elegant und schlank, bekrönt von einem Pyramidendach, geschmückt mit vermutlich 55 Statuen des Meisters und mit einer reich ausgestatteten Altarwand im Inneren. Hier stand den Pilgern das Gnadenbild der Mutter Gottes vor Augen, die Bildnisse und gotischen Bögen sollten dem mit Sünden beladenen Wallfahrer den Weg zum Himmel weisen. Eine Grabinschrift außen an der Marienkapelle erinnert noch heute an den Spender Johann von Cassel (†1383).
In der mauritianischen Reform 1607 wurden von den Handwerkern des Landgrafen Moritz nahezu sämtliche Bildwerke der Liebfrauenkirche entfernt, zerstört oder mutiliert. Einige der von Bürgern beiseite geschafften, später teilweise restaurierten Tyle-Skulpturen sind heute im Kreisheimatmuseum Frankenberg zu sehen und werden dort von Heiner Wittekindt betreut.
Immer wieder erforschten Architekten, Kunsthistoriker und Theologen das große gotische Baukonzept der Liebfrauenkirche. 1897

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