28 Zweigvereine Hermann Reis, beschrieb, stützten sich auf bereits in den 1950er-Jahren begonnenen Nachforschungen des amerikanischen Soziologen John K. Dickinson (1918- 2010), dem es damals noch gelang, 172 Zeitzeugen zu befragen, darunter auch Hausmädchen und Nachbarn der Familie Reis aus Allendorf, Marburger Bekannte und den Studienrat Heinz Heye, späterer Schulleiter der Edertalschule. Durch diese wissenschaftliche Arbeit von Dickinson, der alle Zeugennamen im Buch noch mit Pseudonymen versah, wurde das Schicksal der Familie Reis eine der historisch am intensivsten erforschten Biografien von jüdischen Holocaust-Opfern in Hessen. In der Veranstaltung des Geschichtsvereins wurde der durch den Nationalsozialismus in Deutschland verursachte Zivilisationsbruch an diesem Beispiel besonders bedrückend sichtbar: „Die Familie Reis kann bis zur Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Jahr 1933 als fest in der Dorfgemeinschaft verankerte und in sie integrierte Familie bezeichnet werden, die Respekt und Wertschätzung von Seiten der Allendorfer Bevölkerung erfuhr“, stellte Gerlinde Briel fest. Karl-Hermann Völker zeichnete den Weg von Hermann Reis nach, der als Weltkriegsteilnehmer und prominenter Marburger Anwalt anfangs noch die Rechte von politisch Verfolgten und rassisch diskriminierten Bürgern bis zu seinem Berufsverbot vertreten und der jüdische Gemeinde Marburg vorgestanden hatte, bis zu seiner Entwürdigung als Müllsammler im Ghetto Theresienstadt. Seine Frau und Tochter wurden 1942 in das Todeslager Auschwitz-Birkenau deportiert, Reis kam wenig später als „Hilfsarbeiter“ im Außenlager Golleschau um. „Wir wollten an diesem Abend unseren Beitrag gegen das Vergessen leisten und zur Wachsamkeit gegen alle neuen Formen von Rechtsradikalismus mahnen“, erklärte Ruth Piro-Klein, Vorsitzende des Geschichtsvereins, als sie am Schluss den beiden Referenten dankte. HNA/Frankenberger Allgemeine, 22.11.2022 Die Vorsitzende des Frankenberger Geschichtsvereins, Ruth Piro-Klein (l.), mit den Referenten Karl-Hermann Völker und Gerlinde Briel (ZV Frankenberg)